Ich habe mir das so schön vorgestellt. Wenn ich als Kind gefragt wurde, was ich mal werden will, wenn ich groß bin, habe ich gesagt: Malerin. Oder Bildhauerin. Oder Schriftstellerin. Bin ich alles nicht geworden. Groß übrigens auch nicht. Ersteres hängt damit zusammen, dass ich irgendwann gemerkt habe, was für eine Schweinearbeit Kreativsein ist. Letzteres … das ist einfach Genetik.
Nachdem all die teuren Öl- und Acrylfarben und Echthaarpinsel, die extraschwere Staffelei und die professionell aufgezogenen Leinwände auch nach langjährigem Üben nur Dinge hervorgebracht hatten, die ich als „ganz gut“, aber nicht als „Kunst“ bezeichnet hätte, fragte ich mich eines Tages verzweifelt: Wie machen die das bloß, diese Künstler, dass ihnen immer was einfällt? Wo kriegen die ihre Ideen her? Haben die einfach Gehirne, die anders funktionieren? Bezahlen die irgendwen dafür? Oder nehmen sie einfach mehr Drogen? Ich war nicht schlecht im Malen und Zeichnen. Aber mir fehlte was.
Manchmal krame ich die alten Sachen aus um sie jemandem zu zeigen und der sagt dann meistens sowas wie: „Die sind doch voll gut! Warum zeichnest du denn nicht mehr?“ Und die schmähliche Antwort ist: Mir fällt nichts ein. Zumindest nichts Großes. Nichts, was wirklich cool wäre. Und dann kann mans auch sein lassen. Ich gehöre nicht zu denen, die um des Zeichnens willen zeichnen würden, da käme ich mir vor wie in einem Roman des 19. Jahrhunderts. „Das Fräulein zeichnete auch sehr hübsch.“
Schreiben ist was anderes. Schreiben kann ich nicht sein lassen, weil das einfach eine Fortsetzung von Denken ist. Und Denken kann ich auch nicht sein lassen, auch wenn ich mir manchmal wünschte, es wäre so. Aber, das muss hier mal gesagt werden, Schreiben ist auch Arbeit. Auch wenn meine selige Großmutter das nicht so sah und mich immer irritiert fragte, ob Denken und Schreiben alles sei, was man als Germanistin so tut und warum ich überhaupt Deutsch studierte, das könnte ich doch schon.
Texte, die man schreiben will, können perverserweise sogar mehr Arbeit sein als Texte, die man schreiben muss. Ich produziere jeden Tag beträchtliche Mengen an Text: E-Mails, Vorträge, Projektbeschreibungen, Aufsätze. Aber bis ich wieder etwas zustande bringe, das nur von mir spricht und etwas sagt, das mir wichtig ist, kann es Monate dauern. Das Problem ist, dass ich den KNOPF einfach noch nicht gefunden habe. Es muss einen Kreativitätsknopf geben, der es einem erlaubt, auch nach einem Arbeitstag voller Idiotengespräche und dröger Fleißarbeit noch mal richtig loszulegen und all die faszinierenden Gedanken aufzuschreiben, die man eigentlich haben müsste, wenn man nicht zu müde wäre.
Und auch hier wieder meine Frage: Wie machen die das, diese Schriftsteller? Wie hat zum Beispiel Kafka es geschafft, sich nach einem Tag in der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt (schon der Gedanke, in einer solchen Anstalt zu arbeiten, würde mich in kreativer Hinsicht sterilisieren!) und nach dem „Nachtmahl“ allen Ernstes noch mal zum Schreiben hinzusetzen? Bei mir passiert nachts einfach mal NICHTS Kreatives mehr, da ist höchstens noch Seriengucken und Essen drin. Vorzugsweise sitzend oder liegend. In der Position, die ich meistens nach Feierabend einnehme, sind noch niemals große Taten vollbracht worden.
Aber manchmal passiert was. Manchmal sehe ich was, oder jemand sagt das Richtige. Und dann weiß ich: Jetzt geht es. Jetzt kann ich mich hinsetzen und schreiben. Ich werde mich quälen und ich werde die Hälfte der Sätze sowieso wieder streichen und so gut wie alle Wörter durch andere ersetzen, aber ich weiß, welche Richtung die richtige ist. In diesen kurzen Momenten kann ich wieder daran glauben, dass es sowas wie Inspiration gibt. Der Rest, um es mit Thomas Edison zu sagen, ist Transpiration. Der Rest ist auf der Couch liegen und Serien gucken.