Es ist unausweichlich. Pierre kommt. Schon nächste Woche. Pierre wird unser französischer Austauschschüler sein. Der Sohn hatte sich für eine Woche Frankreich beworben, die Chancen standen Fifty Fifty, weil viele Jugendliche aus zwei Schulen dabei mitmachen wollten. Seit letzter Woche wissen wir: Pierre kommt.
Bis dato sammle ich Schauergeschichten anderer Gasteltern über deren Austauschkinder. „Die saß drei Tage nur in ihrem Dachbodenzimmer und hat nichts gegessen. Sie kam erst runter, als ihr am vierten Tag der Proviant aus ihrem Riesenkoffer ausging. Ich hatte extra ein Kochbuch mit französischen Gerichten gekauft und sie hätte sich alles aussuchen können. Wollte sie aber nicht. Sie hätte noch nicht mal reden müssen. Auf die bunten Bilder zeigen hätte gereicht. Wollte sie aber nicht. Wir haben uns extra für einen Familienausflug mit ihr ein größeres Auto gemietet. Waren wir im Tierpark. Nach 5 Minuten hat sie sich auf den Boden gesetzt und geheult. Sie könne nicht mehr. Hatte nur Schläppchen an. Im Oktober! Meine gleichaltrige Tochter hätte ihr Kleidung und Schuhe geliehen. Wollte sie aber nicht!“
Pierre kommt. Ich habe noch nicht mal ein Kochbuch mit französischen Spezereien. Ich habe gegoogelt. Französische Austauschschüler mögen Schnitzel, sehr spät essen und auf gar keinen Fall breiige Dinge. „Und schwere Soßen. Mögen die auch nicht. Aber Pommes! Unsere Gastschüler mochten immer Pommes.“ Das könnte klappen. Ob mein Eisschrank so groß ist, dass ich für 8 Tage Pommes bunkern kann? „Und für die Ausflüge kleine Joghurts.“ Aha. „Aber wir hatten auch einmal Pech. Einer hat mich am Schluss sogar beklaut. Der hat mein tolles, großes Schweizer Taschenmesser mitgehen lassen!“ Ui. Kopfnotiz. Taschenmesser unter die breiigen Lebensmittel räumen.
„Und dann konnte die noch nicht mal Deutsch. So konnte nicht und sie wollte nicht. Kein Wort. Aber Geld wollte sie. Als ihr am zweiten Tag für ihre Starbucksdevotionalien das Geld ausging, sollte ich ihr das kaufen. Hab ich natürlich nicht gemacht. Das wollte ICH nicht.“ Versteht sich. Sind ja bekoppt, diese Austauschschüler.
Ich war auch mal eine Gastschülerin. Für 2 Wochen in England. War ein prägendes Erlebnis. Mit meiner Freundin durfte ich bei netten Menschen in einem winzigen Reihenhäuschen wohnen. Die Treppe war genickbruchsteil, das Essen fragwürdig, die Konversation mit den Bewohnern überschaubar. Damals habe ich die Macht der Worte und die noch mächtigere Verwandtschaft der Sprachen untereinander hautnah kennengelernt. Wir bekamen Nachtisch, irgendwas Undefinierbares mit jeder Menge unreifen Johannisbeeren obendrauf. Meine Freundin und ich lächelten brav, als wir gefragt wurden, ob es schmeckt. Wir nickten noch heftiger. Meine Freundin, die das Lügen um Längen raffinierter beherrscht als ich, meinte im Lächeln zu mir, auf Deutsch: „Weiß gar nicht, was die meinen, das Zeug ist verdammt sauer.“ Lächel. Das wurde ihr nonverbal gleich aus dem Gesicht gewischt, als die Gastmutter einfrostete. Tja, sauer und sour klingen gleich, gell? Später wurden wir auf einem Spielplatz noch von einheimischen Jugendlichen verkloppt. Ein Wunder, dass ich immer wieder mal nach GB reise.
Aber ja, Pierre kommt. Schon bald ist er da. Mein Sohn hat sich über Whatsapp schon mit ihm unterhalten. „Der sagt, dass er kein Wort Deutsch kann. Und er will maximal nur Englisch sprechen.“ Aha. Cool. Ich kann ja kaum Französisch, des Englischen bin ich eher mächtig. Der hauseigene Spross hat ihm neckend Bilder seines Camemberts geschickt. Zuerst in der Plastikverpackung, dann im Airfryer. Der will wohl auch Kloppe bekommen. Heute haben sie wieder miteinander geschrieben. Der Sohn hat Pierre gefragt, ob es in seinem Ort auch solche Unruhen der aufgebrachten Schülerschaft gibt, die gegen die französische Misswirtschaft im Bildungssektor demonstriert. Die Antwort kam prompt, in Bild und Wort. Na klar, Pierre darf gerade nicht in die Schule gehen, sein Gymnasium hat vorsorglich für 2 Wochen geschlossen. Und natürlich demonstriert er auch. „Guck mal, Mama. Da ist der Schulhof, da brennt eine Mülltonne.“ Wir zoomen uns die Sache mit der dunklen Rauchsäule größer. „Ach Schmarrn, das ist ja ein Auto!“ Aha. Ui. Merde. „Und er hat geschrieben, dass sein Kumpel von der Polizei verdroschen worden ist. Die haben nicht lange gefackelt und gleich zugeschlagen.“
Pierre kommt. In welchem Zustand, das wird sich noch zeigen. Ich habe jetzt zu den Pommesvorräten und den kleinen Joghurts noch ein paar Kühlpads mehr in den Kühlschrank gepackt. On ne sait jamais.













