Bitte mehr Lesekurse für Journalisten

Ein großer Teil berechtigter Medienkritik zum Qualitätskriterium „Richtigkeit“ bezieht sich eigentlich nur darauf, dass anscheinend zahlreiche Journalisten nicht (richtig) lesen oder (richtig) hören können.

Vielleicht liegt es am fürchterlichen Drang, der irgendwo auf einer Journalistenschule oder im Volontariat seinen Anfang nahm, die Dinge zu vereinfachen, sie herunterzubrechen, damit die Leser/ Hörer/ Zuschauer es auch verstehen (denn die sind ja regelmäßig und überall doofer als die Redakteure).

Und es ist auch das, was an der „Bild“ am meisten nervt. Nicht ihre Ethik-Verstöße nach Auffassung des Deutschen Presserats. Sondern dass diese Zeitung so vielen Quatsch schreibt, der kaum einem Fünftklässler bei der Aufgabe, einen Zusammenfassung zu schreiben, passieren würde.

Heutiges Beispiel aber nicht von „Bild“, sondern von „Nius“ (schulischer Hintergrund wird als bekannt vorausgesetzt):

Auszug von https://nius.de/medien/knallharte-abrechnung-zdf-boss-himmler-nennt-boehmermann-fanatisch Weiterlesen →

Dürfen Frauen sagen, was sie (über Frauen) denken?

Die feministische Zeitschrift Emma wird eingestellt. Das hat viele erwartbare Reaktionen in den anderen Medien ausgelöst. Aber über eine Kommentierung sind wir dann doch gestolpert:

Im Übermedien-Newsletter vom 24. Oktober 2026 schreibt Lisa Kräher zu einem ZEIT-Interview mit Schwarzer:

>Es ist nicht die einzige Stelle, an der Schwarzer abwertend über andere Frauen spricht. Am Ende des Interviews sagt sie auf die Frage der „Zeit“, was sie in 50 Jahren „Emma“ über Frauen gelernt habe:
„Dass Frauen weniger kritikfähig sind als Männer. Ich habe am Anfang nicht gewusst, dass die Mehrheit der Frauen sich als Person in Gänze infrage gestellt fühlt, wenn man sie punktuell kritisiert. Ich musste lernen, darauf Rücksicht zu nehmen. Natürlich habe ich mich manchmal danach gesehnt, mit Männern zu arbeiten. Weil ich finde: Männer sind einfacher.“

Ach, ja. Die komplizierte, empfindliche, kritikunfähige Frau und die pflegeleichten Jungs, mit denen es nie Drama gibt. Was für ein altbackenes Klischee!

Deshalb würde ich Alice Schwarzer auch nicht als Feministin bezeichnen. Denn wer will, dass Frauen und Männer wirklich gleichbehandelt werden, der muss auch sexistische Stereotype hinterfragen – und darf sie nicht zementieren.<

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Quellentransparenz – journalistisch notwendig und menschlich fair

Informationen an sich sind – aus gutem Grund – nicht urheberrechtlich geschützt. Erst bei systematischer Auswertung kann es problematisch werden.

Dennoch ist es zumindest fair, die Ursprungsquelle einer Information zu nennen, die man als Medium/ Redaktion/ Einzelner weiterverbreitet. Für den Journalismus lässt sich dies auch als messbares Qualitätskriterium benennen: die sogenannte Quellentransparenz (die wiederum Teil der formalen Vollständigkeit ist, nämlich als Antwort auf die W-Frage „woher?“).

Leider ist es im Kolportagejournalismus weit verbreitet, auf die Angabe der Quelle, aus der nacherzählt wird, zu verzichten. „Laut Medienberichten“ heißt es dann beispielsweise verklausuliert.

Ein Fall aus dem Newsletter „Checkpoint“ des Tagesspiegels. Da heißt es am 27.10.2026:

>Auch rund, aber fettig: In keinem anderen Bundesland zahlt man so viel für einen Big Mac wie hier. Ein hungriger Internetnutzer hat die Preise in fast 1400 McDonald’s-Filialen verglichen. In Berlin kostet der Burger durchschnittlich 7,06 Euro. In Leipziger Niederlassungen gibt’s die Bulette im Brot etwa für 5,99 Euro.<

„Ein hungriger Internetnutzer“ ist also die Quelle. Kein Name, kein Link. Bisher auch kein Treffer in einer (News-)Suchmaschine.
Aber es lässt sich ein mutmaßlicher Urheber der Auswertung finden: X-Account „@mhimed100″, zum Zeitpunkt des hiesigen Abrufs 180 Follower:  Weiterlesen →

Verquere Hitzetipps

Obwohl fast jedes Jahr einen Sommer hat, schafft es der „Ratgeber-Journalismus“ des ZDF nicht, dafür einmal korrekte und tatsächlich hilfreiche Tipps zum Umgang mit Hitze zu recherchieren.

‚ZDF heute‘ postete auf Instagram die nebenstehende Kachel.

Also zusammengefasst:

  1. Nur lüften, wenn es draußen kühler ist als drinnen.
  2. Ansonsten Fenster geschlossen halten und abdunkeln.
  3. Elektrogeräte ausschalten.
  4. „Teppiche speichern Wärme, wenn möglich einrollen.“
  5. „Feuchte Wäsche kühlt durch Verdunstung die Luft. Bei hoher Luftfeuchtigkeit kann es aber unangenehm schwül werden.“

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Social-Media-Recycling als Journalismus

t-online nennt sich das „reichweitenstärkste Leitmedium Deutschlands“ (Übermedien). Als dieses leitet es offenbar auch durch die Archive des Webs – verpackt als Journalismus. Aktuell: Die Entdeckung eines „McBoat“ in Hamburg.

In den Quellen unter dem Beitrag ist zwar auch „eigene Recherche“ angegeben, aber vor Ort war die  in der Autorenzeile genannte „Redakteurin für Norddeutschland“ offenbar nicht.

Aber auch vom (mobilen) Schreibtisch aus hätte auffallen müssen, dass das präsentierte Foto nicht zur Geschichte passt. Denn von „McBOAT“ ist da nichts zu lesen. Auch die rote Grundfarbe des Schildes mit der Aufschrift „Anlegen und genießen“ entspricht nicht dem gegenwärtigen McDonalds’s-Style.

Und siehe: das aus der Wikipedia genommene Bild stammt von September 2009.

Die tragenden Informationen des Beitrags sind ansonsten einem Instagram-Post entnommen, der selbst schon über ein Jahr alt ist und ein Video enthält, das noch ein Jahr früher entstanden – und damals schon viral gegangen –  sein soll, also im Mai 2024.

Aber bitte: Die weit verbreitete Definition, Journalismus beschäftige sich mit aktuellen Geschehnissen, eröffnet einen breiten Ansatz. Wenn t-online doch erst jetzt auf diese „weltweit einmalig[e“ Filiale gestoßen ist, dann ist es für t-online und seinen Inhaber, das Werbeunternehmen Ströer, eben aktuell.

(‚Bild‘ hat McBoat bereits im April entdeckt und meint, den Anleger gebe es seit 2015. Mit Blick auf die t-online-Entdeckung bei Wikipedia könnten sie diese Info nun updaten…)

 

Genauigkeit bei der wissenschaftlichen Darstellung journalistischer Qualität

In einem aktuellen Kapitel zu „Journalismus und Qualität“ wird auf Seite 398 des Nomos-Handbuchs „Journalismusforschung“* ein Befund der auch von mir mehrfach zitierte Studie „Einseitig, unkritisch, regierungsnah?“ wie folgt wiedergegeben:

>In der Corona-Berichterstattung war Kritik an der Regierung und den Infektionsschutzmaßnahmen durchgehend vorhanden, die Bewertung der Maßnahmen als zu weitgehend nahm immer rund ein Drittel der Gesamtberichterstattung ein (vgl. Maurer et al. 2021b)<<

Daran ist so ziemlich alles falsch: das „Drittel“, die „Gesamtberichterstattung“ und „immer“. Wie im Journalismus selbst sind ungenaue Quellenangaben (hier: keine Seitenangaben) immer ein Indiz für „Unkorrektheiten“, für Kolportagen aus der Erinnerung. Weiterlesen →

Erregung über Erregung (und hier dann auch noch)

„Es wandert niemand in unsere Sozialsysteme ein.“ Dieser Satz von Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas im Bundestag hatte es – vor allem mit Reaktionen darauf – in die Tagesthemen vom 7. Mai 2026 geschafft (Video, ab 4:57).

Bei Übermedien kritisiert daran Johanna Bernklau am 13. Mai, dass im ARD-Beitrag auch ein 5-Sekunden-Ausschnitt einer Sendung von Nius gezeigt wurde. Weiterlesen →

ZDF-Korrekturen: Keine Programmbeschwerde möglich

Der ZDF-Fernsehrat hat eine Programmbeschwerde zum Telemedienangebot des Senders nicht zur Beratung angenommen. Im Zusammenhang mit der im heute journal am 15. Februar 2026 verwendeten Sequenz eines von Künstlicher Intelligenz (KI) generierten Videos wurde die folgende Behauptung auf der Korrekturenseite des Senders gerügt:

>In einem Beitrag des heute journal vom 15. Februar 2026 hätten KI-generierte Bilder gekennzeichnet werden müssen. Diese Kennzeichnung wurde bei der Überspielung des Beitrags aus technischen Gründen nicht übertragen.<

Nach späteren Darstellungen des ZDF und der Abberufung der Autorin vom Studio in New York ist jedoch mitnichten eine vorhandene Kennzeichnung „bei der Überspielung des Beitrags“ verloren gegangen – es gab sie nie. Weiterlesen →

Medienjournalismus: Querverweise (2)

Buckelwal Timmy: Viele Medien diagnostizieren eine Spaltung der Gesellschaft, fühlen sich durch die Proteste Pro-Rettung des gestrandeten Tiers an Coronaleugner erinnert; mal wieder wird ein Konflikt zwischen Unvernunft und Wissenschaft gesehen. Dabei gab es in dieser Tragödie nur verschiedene Meinungen – eigentlich völlig normal für eine demokratische Gesellschaft. Essay, 5 Minuten, erschienen bei Deutschlandfunk Kultur Zeitfragen.

Kriminalitätsberichterstattung in den Medien: Anlässlich der Vorstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2025 wird mal wieder diskutiert, ob und ggf. wann und wie die Nationalität von Tatverdächtigen genannt werden darf oder soll. Telepolis.

Verdachtsberichterstattung: a) Fall Fernandes/Ulmen: Warum Promi-Namen Verdachtsberichterstattung verzerren.
b) Strafanzeigen haben keine journalistische Relevanz (Hintergrund, SpKr)

Beim Zweiten schläft man fester

Beim Versuch, das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) telefonisch zu erreichen, gab es heute 40 Minuten lang die immer wiederkehrenden Hinweise auf das aktuelle Angebot dieses Senders. Nach Werbung für ZDF, ZDF Neo und Mediathek heißt es in der aktuellen Ansage, die von der akustischen Qualität an Schülerstreiche vor 40 Jahren erinnert:

Jederzeit gut informiert mit heute.de oder interaktiv über Facebook und Twitter. Mit dem Zweiten sieht man besser – ZDF, please hold the line.

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