Fast hätten sie es gleichzeitig getan.
Das bzw. ein Oktoberfest – mit Maßbier, Brez’n, Hendl und so – in zwei verschiedenen Kneipen.
Am selben Tag.
Es hätte ein nettes Hin- und Herpendeln sein können. Aber die subalpine Topographie von Görlitz, also der enorme Höhenunterschied zur „oberen“ Kneipe, erforderte Absprache zwischen den Gastronomen. Gemäß der Überlegung, dass die „unten“ Trinkenden die Steigung zur „oberen“ Kneipe nicht in der erforderlichen Regelmäßigkeit schaffen würden.
Um den Gemeinschafts-Umsatz zu retten, verlegte die „untere“ ihr Fest um eine Woche.
Am 3. Oktober geht’s also „oben“ los. Es ist Tag der Deutschen Einheit, ein früher Gast brummt: „Vier Tage zu früh, mein Feiertag ist Mittwoch.“
Da erst fällt mir die Parallele auf: 7. Oktober – Gründungstag der untergegangenen „DDR“! Ob der Senior sie zurückwill? Ist er gar AfD-Wähler? Die Sekte, die sich „stärkste Oppositionspartei“ nennt und, na ja, ziemlich Diktatur-affin ist? Keine leichte Gesprächsbasis jetzt.
Umso leichter fällt mir das Einschenken meiner ersten Maß. Denn: O’zapft is! Der Wirt lässt uns freie Hand, auch beim Büfett.




Soäter werfe ich der Dirndl-Dame einen Schein in die Spendenbox. Vertrauen gegen Vertrauen, man kennt sich, weiß, was geht oder nicht. Gottlob weiß niemand, wie reich ich bin.
Nächster Samstag, diesmal in der „unteren“ Kneipe. Um 12 Uhr schon soll es losgehen, das ist ja furchtbar, ich komme „erst“ gegen 14 Uhr. Bis das Essen (mein „Hendl“) kommt, vertreibe ich mir die Zeit mit Lektüre, Hefeweizen und schließlich einer Maß Bier, die dreieinhalb mal so teuer wie der halbe Liter Weizen ist. Was soll’s? Es ist ja nur einmal Oktoberfest.
Einmal? Haha.
Nach dem Überleben: am 17. mal kein Oktoberfest. Ausnüchtern. Ganz kleine Pause.

Und es geht weiter. Im Tierheim Horka. Oktoberfest.
Horka ist bedeutender Bahnknotenpunkt der Strecken Görlitz – Cottbus und von Elsterwerda ins polnische Wegliniec.
Und es hat ein Tierheim.
Görlitz hat seit Längerem keines mehr. 2024 holte ich dort Katze „Gerti“, unsere zarte Beziehung währte nur kurz, hier nachzulesen.
Seitdem ist das Tierheim im Dörfchen Horka regelmäßige „Pension“ für „Frau Tiger“ bzw. „Schnurpel“ – wenn Tarzan mal wieder mehrtägig unterwegs ist. Die knapp 20-minütige Autofahrt verkraftet sie inzwischen sehr gelassen. Wenn ich in Kodersdorf rechts abbiege, weiß sie, dass sie zu Freunden kommt.
Heute aber ist Oktoberfest. Ich komme allein. Menschen, Tiere, Biere. Und ich komme mit der Bahn, weil: Biere.
Horka, ein Provinznest? Aber nein: Auf der sonst eingleisigen Strecke Cottbus – Zittau begegnen sich die Züge hier. Stündlich. Dann steigen tatsächlich bis zu 20 Menschen gleichzeitig aus
Schon am Bahnübergang ist fern vielstimmiges Gebell der „besten Freunde des Menschen“ zu hören. Die Katzen im Freigehege am Kirchsteg sind naturgemäß eher leise.
Zuerst Waschbär-Besuch.

So viele Besucher heute? Da ist der Heimleiter aber BASS erstaunt (Insider-Gruß an seppo)
Heute ist alles im Tierheim offen, überall darf man rumlaufen, auch in das große Zimmer der Katzen, die nicht, wie meine, in der „Premium-Suite“ in Pension sind. Traurige Schicksale, teils zutraulich, teils scheu.


Auch im Hunde-Gelände sind laute und stille Gesellen zu beobachten. An jedem Gehege gibt es Infos über sie, sofern bekannt. Wie bei „Sula“.

Das Gelände ist größer, als ich bei meinen Kurzbesuchen bemerken konnte. Meist parke ich unterhalb der Bahnlinie am Katzengehege, zeige meiner „Schnurpel“ im Transportkorb ihre neugierigen Artgenossen. Freundliches Anschauen der anderen „Tiger“ erleichtert den Abschied, wenn Tarzan mal wieder in die Ukraine oder nach Österreich aufbricht. Ja doch, es schmerzt jedesmal. Aber „Schnurpel“ selbst ist ja dauernd unterwegs. Da darf ich das auch.
Die Nordost-Wiese am Kirchsteg hielt ich bislang für Privatgrund eines Bauernhofs, jetzt ist er für Besucher-Autos frei. Und ziemlich beparkt. Unverantwortlich, was tun die alle mit den Autos hier? Immerhin gibt es allerlei Promille zu tanken. Was ich nach all dem Tierleid vorhabe.
Noch vorm Bierstand aber entdecke ich den Tierfriedhof. Auch der war mir unbekannt.
Wie bei menschlichen Ruhestätten bemühe ich mich, nicht auf jene zu treten (wie z.B. Bruce Dern in Hitchcocks „Family Plot“). Im Zickzack verfolgt er einen Typen durch das quadratische Labyrinth eines Friedhofs, macht einen „Fehltritt“ und stammelt, ohne Aussicht auf Antwort, „Verzeihung“. Haha.
Hier ist nichts witzig. Auch wenn es „nur“ ein Tierfriedhof ist. Zu viel Liebe und Trauer hat das Tierheim-Team jenen Wesen mitgegeben, die hier, in diesem sonst abgeschiedenen Terrain, ihre letzte Ruhe fanden. Gravierte Grabplatten, frische Blumen. Ein würdiger Ort. Auch wenn es „nur“ Tiere sind.



Ein Bier jetzt. Auf die Tiere dort. Die irgendwelchen Menschen lange Zeit Freude bereiteten. Oder die, welche niemand haben wollte. Die hier im Tierheim Horka ihre allerletzte Zeit verbrachten. Geliebt, und doch eigentlich einsam.
Die „Festwiese“. Es gibt Kaffee, Kuchen, Brezeln. Und ein Glücksrad. TV-Ikone Maren Gilzer hat wohl keine Zeit, daher Zahlen statt Buchstaben.
Ein möglicher AfD-Wähler sitzt beim Bier.
Sein schwarzes T-Shirt mit den SS-Runen hat er heute zwar nicht an, bemüht sich aber sonst sehr deutlich, den gängigen Klischees zu entsprechen.
Stumm sitzt er schon ewig da, rasierter Schädel, bärbeißig, fett und sehr unfreundlich schauend. Er erinnert an den Schauspieler Horst Krause.

Niemals würde ich den Schauspieler Horst Krause (1941 – 2025) mit Rechtsextremen in Verbindung bringen. Doch sorry: Physis und Miene sind einfach zu ähnlich (copyright: fernsehserien.de)
Der Groll des Grimmigen zielt vermutlich auf eine junge Frau nebenan unterm Bierzelt. Diese, eindeutig afrikanischer Abstammung, unterhält sich lachend mit anderen Gästen. Das passt wohl nicht in das arisch-völkische Weltbild des stummen Glatzkopfs.
Einmal sagt er doch was. Eine Dame mit Bratwurst setzt sich in die Nähe. „Bautz’ner“, quakt er sie an. „Bautz’ner Senf.“ Und kurz darauf noch mal: „Bautz’ner Senf“.
Damit ist sein Wortschatz für heute erschöpft. Er versinkt wieder in grimmige Bräsigkeit. Und das wiederum passt genau in mein Bild von ihm.
Ein paar Tische weiter der übliche Disput an diesem Wochenende: die Zeitumstellung.
„Eine Stunde früher ist es dann.“
„Nee, später!“
Irgendeine Faustregel wird bemüht: Im Frühjahr Wäsche raus, im Herbst wieder reinholen. Oder so ähnlich.
Vielleicht gibt es bessere Faustregeln. Vor Jahren aber, mein Uralt-Handy stellte sich noch nicht automatisch um, klingelte der Taxifahrer um fünf Uhr früh. Um mich zum Flughafen Berlin-Schönefeld zu bringen. Tatsächlich war es schon sechs. Panik, Hektik, Chaos, alles geklappt. Nervig.
Heute habe ich einen kürzeren Weg. In knapp 15 Minuten bringt mich das kleine ODEG-Züglein heim.
Abends in der Kneipe schreibe ich nun diesen Blog. Und überlege.
Ist es morgen nach der Zeitumstellung nun früher? Oder später?


