Das italienische Kino und die Krise
von Doris Senn
Was tut sich im Filmland Italien? Die Reihe «Cinema italiano», die vom italienischen Kulturministerium kuratiert wird, stellt sich einmal mehr der Aufgabe, mit einer Handvoll Spielfilme Einblick ins aktuelle Filmschaffen Italiens zu geben. Die diesjährige Auswahl umfasst einen facettenreichen Mix aus Sozialdrama («La vita da grandi» und «Il bene comune»), Liebeskomödie («2 cuori e 2 capanne» und «Follemente»), Coming-of-Age («Gioia mia») und Literaturverfilmung («Tre ciotole»). Dabei war die Auslese vermutlich noch nie so schwierig wie gerade jetzt: Zwar tut sich der italienische Film künstlerisch schon seit Längerem eher schwer – doch spätestens seit vergangenem Jahr steckt die italienische Filmbranche als Ganzes in Not. Aber der Reihe nach.
Im September 2025 rief IsICult, das Istituto italiano per l’Industria Culturale, das sich um die Promotion der italienischen Kultur kümmert, den Notstand im Filmgewerbe aus. Die Zahlen waren alarmierend: Der Beschäftigungsgrad war im Vergleich zum Vorjahr um nicht weniger als 90 Prozent eingebrochen. Von den rund 18’000 im Filmbusiness Tätigen im Jahr 2024 waren es 2025 gerade noch 1800! Und damit nicht genug, schmolzen die Einnahmen der italienischen Kinos 2025 im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel und im Vergleich zu 2023 sogar um fast die Hälfte! Ein Desaster.
Die vom Arbeitsabbau Betroffenen schlossen sich unter dem Hashtag «Wir stehen im Abspann» (#siamoaititolidicoda) zu einer Protestbewegung zusammen. Mit dem Stellenabbau wuchs die Zahl der Anhänger:innen. So riefen sie 2025 zum Boykott der alljährlich mit viel Pomp gefeierten Preisverleihung «David di Donatello» auf, einer Art italienischer Oscar, die jeweils im Sommer stattfindet. Es fanden Demonstrationen und Kundgebungen statt. «Il cinema italiano è in burnout», vermeldeten die vereinigten Filmarbeiter:innen auf Instagram und: «La RAI è fascista». Tatsächlich machen viele die Meloni-Regierung für die Krise verantwortlich und monieren, dass die vom Staat zur Verfügung stehenden Mittel mehr als ungerecht verteilt würden: Ein Grossteil gehe nämlich an die staatliche RAI und nur ein kleiner Teil an unabhängige und kleinere Filmproduktionen, die viel zu wenig erhielten, um Filme zu machen, geschweige denn zu überleben.
IsICult hielt zudem fest, dass die rund 60 Filme «made in Italy», die immerhin 27 Prozent aller Filme in den italienischen Kinos im Jahr 2025 ausmachten, nur kümmerliche 4 Prozent der gesamten Zuschauer:innen erreichten. An einem exemplarischen Wochenende im September 2025 wurden durch genuin italienische Produktionen gerade mal 220’000 Euro eingenommen – gegenüber 6,8 Millionen, die ausländische Titel am selben Weekend einspielten. Die italienischen Produktionen stellten demnach nur 3 Prozent und damit einen lamentablen Anteil am Gesamtmarkt dar. (Zum Vergleich: Der Schweizer Film erreichte 2025 mit 80 Titeln rund 1 Million Zuschauer:innen und machte damit knapp 10 Prozent der Kinoeintritte!) Ganz zu schweigen von der fehlenden künstlerischen Anerkennung für das italienische Kino, schaffte es doch kein Titel in jüngster Zeit nach Berlin, Cannes oder in eine Oscar-Endrunde …
Während also die Branche im Ausnahmezustand steckt, gibt sich die im italienischen Kulturministerium für den Film- und audiovisuellen Bereich verantwortliche Lega-Politikerin Lucia Borgonzoni optimistisch. Sie spricht von einem italienischen Kino in «guter Gesundheit» und einer brummenden Cinecittà. Und dies, obwohl Ende 2024 bei einer Revision von Cinecittà im Finanzhaushalt der legendären Filmproduktionsstätte ein Defizit von rund 7 Millionen festgestellt wurde, das sogar die Existenz der Studios bedroht. Die Verantwortung dafür wird vor allem der ominösen «Tax Credit» zugeschrieben, einer Steuererleichterung für Investmentprojekte, die aber hauptsächlich ausländischen Produktionen zugutekomme, wie moniert wird. Senatorin Borgonzoni hat derweil ihre eigene Interpretation der Dinge: Nicht nur blockierte sie höchstpersönlich eine Revision der «Tax Credit» – sie verfocht noch vor einem Monat, zum Auftakt des Filmfestivals von Venedig, erneut den florierenden Zustand des italienischen Films. In einem offiziellen Communiqué sprach sie von einer «bemerkenswerten Zunahme der Kinoeintritte» und davon, dass Italien mit dieser Steigerung und Zahlen, die sich mit den Vor-Corona-Jahren vergleichen liessen, eine absolute Ausnahmeerscheinung im internationalen Vergleich darstelle.
Wie dem auch sei. Die Kinoeintritte sind das eine, die fehlende Anerkennung das andere. So zeigte Borgonzoni sich regelrecht verärgert über die diesjährigen Filmfestspiele in Venedig. Von den 21 Wettbewerbstiteln stammten zwar fünf Werke aus Italien, alle von der RAI (ko)produziert, darunter auch das Liebesdrama «Succederà questa notte» von Nanni Moretti. Doch alle gingen sie, was die Preise betrifft, leer aus. Die Senatorin erfüllte das mit Rage. In einem Gespräch mit der Tageszeitung Libero liess sie sich unverblümt über die hochkarätige internationale Festivaljury aus, die einem «radical chic»-Konformismus der Linken fröne und sich dem woken Diktat gefügt habe. «Wir haben eine Ungerechtigkeit erfahren», konstatierte Borgonzoni und sah das italienische Kino, das von der Festivaljury übergangen wurde, als Opfer einer Political Correctness, die Soziopolitisches über filmische Qualität stelle. Gleichzeitig äusserte sie sich diffamierend über den Film «NAZA», der am Festival einen Spezialpreis erhalten hatte.
An der diesjährigen «Cinema-italiano»-Reihe lässt sich die schwierige filmpolitische Situation in Italien kaum ablesen. Es sei denn, dass die angespannte finanzielle Situation viele der Titel in Koproduktion, teils mit TV oder Streaming-Plattformen, entstehen liess. So etwa «Tre ciotole» von der katalanischen Regisseurin Isabel Coixet, der in Kooperation zwischen Italien und Spanien entstanden ist. In der Geschichte, basierend auf der autobiografischen Erzählsammlung der sardischen Autorin Michela Murgia, sucht die Hauptfigur, mit dem Tod konfrontiert, nach dem echten Sinn des Lebens und erinnert damit von fern an Coixets «My Life Without Me» (2003). In den Hauptrollen sind die italienischen Stars Alba Rohrwacher («Lazzaro felice») und Elio Germano («Berlinguer») zu sehen – gedreht wurde im Römer Quartier Trastevere. «Follemente», eine Romantic Comedy von Paolo Genovese, entstand im Verbund mit Disney+. Fast nur in Innenräumen gedreht, thematisiert «Follemente» mit etwas US-amerikanischem Soap-Touch die unterschiedlichen Empfindsamkeiten von Mann und Frau bei ihrem ersten Date. Der Film war mit drei Millionen Besucher:innen der erfolgreichste italienische Film des Jahres 2025 – eine Fortsetzung ist geplant.
«La vita da grandi», das Regiedebüt der Schauspielerin Greta Scarano wiederum, wurde von RAI Cinema und Netflix koproduziert. Darin geht es um das Verhältnis zwischen dem autistischen Omar (Yuri Tuci) und seiner Schwester Irene (Matilda De Angelis), die sich und ihre Beziehung als Erwachsene neu definieren müssen. Der mit Autismus-Diagnose lebende Tuci, der für seine Performance ausgezeichnet wurde, spielt an der Seite von De Angelis, die sich als Lidia Poët in der gleichnamigen Netflix-Serie einen Namen machte. Die Hauptrolle im Sozialdrama «Il bene comune» von Rocco Papaleo, der als «Mann der tausend Talente» für den Film als Regisseur, Drehbuchautor, Darsteller, Musiker und Mitproduzent fungierte, spielt die Landschaft: der Parco Nazionale del Pollino mit seiner endlosen Weite zwischen Basilikata und Kalabrien, die den Film auch mitfinanziert haben. Im Film geht es um eine Schar Gefängnisinsassinnen, die in einer Wanderung zum knorrigen Pino loricato, dem Wahrzeichen der südlichen Berglandschaft, Läuterung und neue Kraft finden.
Margherita Spampinato schliesslich präsentiert mit «Gioia mia» ihr Regiedebüt, für das sie auch das Drehbuch geschrieben hat. Darin erzählt sie eine eigenwillige Coming-of-Age-Geschichte: Der neunjährige Nico ist in Norditalien zu Hause, muss aber den Sommer bei seiner eher einsilbigen und schwer altmodischen Grosstante Gela in Sizilien verbringen, was beide nicht erfreut. «Gioia mia» erzählt amüsant und leichtfüssig vom Clash der Generationen: Nico und Gela schenken sich nichts und lernen im Lauf des Films doch, ihr Gegenüber zu respektieren und zu schätzen. Herausragend die schauspielerische Leistung des kleinen Nico (Marco Fiore), hier an der Seite der renommierten Aurora Quattrocchi, die schon mit Marco Risi, Wim Wenders oder Rolando Colla arbeitete. «Gioia mia» wurde bereits mehrfach ausgezeichnet und erhielt gleich zwei Preise am Filmfestival von Locarno 2025.
Nicht nur die Regie-Newcomerin Spampinato lässt hoffen – auch die italienische Politik, die jüngst im Parlament eine neue «Legge Cinema» angenommen hat und damit einigen von der Protestbewegung geforderten Neuerungen nachkommen will. Die Revision des Kinogesetzes soll spätestens 2028 in Kraft treten. Speriamo bene!
Doris Senn hat Romanistik, Europäische Volksliteratur und Filmwissenschaft in Zürich und Rom studiert. Seit 1989 schreibt sie über Film, ist als Übersetzerin tätig und war beim Schweizer Filmjahrbuch CINEMA, im Frauenkino Xenia und beim queeren Filmfestival Pink Apple in Zürich engagiert.
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