Zum Inhalt springen

Edward Sąsiada

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Edward Sąsiada (* 18. März 1924 in Lwów; † 23. Februar 1999 in Toruń) war ein polnischer Mathematiker.

Edward Sąsiada wurde am 18. März 1924 als Sohn eines Schneiders und einer Ladeninhaberin in Lwów geboren. Dort ging er zur Grundschule und ab 1936 auf ein Gymnasium. Seit der im Hitler-Stalin-Pakt vereinbarten Besetzung durch die Sowjetunion zu Beginn des Zweiten Weltkriegs setzte er den Unterricht an einer Oberschule (szkoła średnia) fort, bis er ab 1941, nach der Einnahme durch die nationalsozialistische Wehrmacht in einer Autowerkstatt und nach der Rückeroberung durch die Rote Armee 1944 in einer Reparaturwerkstatt für Panzer arbeiten musste. Im Rahmen der sogenannten Repatriierung wurde er nach dem Krieg nach Bytom zwangsumgesiedelt, wo er 1947 das Abitur machen konnte.[1]

Anschließend studierte Sąsiada Mathematik an der Universität Wrocław und erhielt 1952 unter Bronisław Knaster seinen Magisterabschluss. 1953 wechselte er zur Arbeitsgruppe Algebra des mathematischen Instituts der Polnischen Akademie der Wissenschaften nach Toruń, wo er bis zu seinem Lebensende blieb.[2] 1959 erfolgte seine Promotion mit der Dissertation „O problemie rozczepialności grup abelowych mieszanych“ (Über das Problem der Zerlegbarkeit von gemischten, abelschen Gruppen) unter der Leitung von Jerzy Łoś.[3] 1961 wurde er mit der Arbeit „Pierścienie proste i radykalne w sensie Jacobsona“ (Einfache Radikalringe im Sinne Jacobsons) habilitiert[1] und arbeitete zunächst als Dozent und ab 1967 als außerordentlicher Professor.[2] 1994 ging er in den Ruhestand. Edward Sąsiada starb nach langer Krankheit am 23. Februar im Alter von 74 Jahren und wurde auf dem Friedhof des Hl. Georgs (św. Jerzego) in Toruń begraben.[1]

Edward Sąsiadas Hauptarbeitsgebiet war die Algebra. Er interessierte sich insbesondere für die Theorie der abelschen Gruppen. In den 1950er Jahren gelang ihm die Konstruktion unzerlegbarer abelscher Gruppen (unzerlegbar als -Modul) mit einer Mächtigkeit größer als der des Kontinuums.[4][5] Heute weiß man, dass es zu jeder unendlichen Kardinalzahl torsionsfreie, unzerlegbare Gruppen dieser Mächtigkeit gibt.[6.1] Er befasste sich auch mit schlanken Gruppen und bewies 1959, dass jede abzählbare, reduzierte und torsionsfreie abelsche Gruppe schlank ist.[7] Dies war ein erster Schritt in Richtung einer Charakterisierung schlanker Gruppen, die man heute eleganter mittels Topologie oder durch Abwesenheit gewisser Untergruppen beschreiben kann.[6.2] Irving Kaplansky formulierte 1954 in seinem Buch über unendliche, abelsche Gruppen zwei sogenannte Testprobleme, wobei das erste danach fragte, ob zwei abelsche Gruppen bereits dann isomorph sind, wenn jede isomorph zu einem direkten Summanden der jeweils anderen ist, was einem Analogon zum Satz von Cantor-Bernstein-Schröder aus der Mengenlehre gleichkäme. Sąsiada beantwortete diese Frage 1961 negativ, indem er ein Gegenbeispiel konstruierte.[8]

Schließlich ist Sąsiada auch für die erste Konstruktion eines Radikalrings bekannt, das heißt eines einfachen Rings ohne Einselement mit nicht-trivialer Multiplikation, der mit seinem Jacobson-Radikal übereinstimmt.[9] Ferner befasste er sich mit Topologie, dynamischen Systemen und linearen Operatoren auf Banachräumen.[2]

  • 1962 erhielt Sąsiada den Stefan-Banach-Preis der Polnischen Mathematischen Gesellschaft.[10]
  • 1964 wurde ihm ein Preis des Bildungsministeriums für seine Habilitationsschrift verliehen.[2]
  • 1995 wurde Sąsiada von der Polnischen Mathematischen Gesellschaft für seine Verdienste um die polnische Wissenschaft geehrt und anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Toruń mit einer Medaille für die Verdienste um die Entwicklung der Hochschule ausgezeichnet.[1]

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. 1 2 3 4 S. Balcerzyk, B. Kamiński: Edward Sąsiada (1924-1999). In: Roczniki Polskiego Towarzystwa Matematycznego, Seria II, Wiadomości Matematyczne. Band 37, Nr. 1, 2001, S. 145–152, doi:10.14708/wm.v37i01.4881 (polnisch, hier findet sich ein Bild).
  2. 1 2 3 4 Roman Duda: Matematycy XIV i XX wieku związany y Polską. Verlag der Universität Wrocław, Wrocław 2012, ISBN 978-83-229-3316-9, S. 414–415 (polnisch).
  3. ↑ Edward Sąsiada im Mathematics Genealogy Project (englisch)
  4. ↑ E. Sąsiada: Construction of a directly indecomposable abelian group of the power higher than that of the continuum. In: Bulletin de l'Académie Polonaise des Sciences. Band 5, 1957, S. 701–703 (englisch).
  5. ↑ E. Sąsiada: Construction of a directly indecomposable abelian group of the power higher than that of the continuum II. In: Bulletin de l'Académie Polonaise des Sciences. Band 7, 1959, S. 23–26 (englisch).
  6. László Fuchs: Abelian Groups. Springer-Verlag, 2015, ISBN 978-3-319-19421-9, doi:10.1007/978-3-319-19422-6 (englisch, springer.com).
    1. ↑ Theorem 4.9
    2. ↑ Kap. 13.3
  7. ↑ E. Sąsiada: Proof that every countable and reduced torsion-free Abelian group is slender. In: Bull. Acad. Polon. Sci. Ser. Sci. Math. Astr. Phys. Band 7, 1959, S. 143–144 (englisch).
  8. ↑ E. Sąsiada: Negative solution of I. Kaplansky’s first test problem for abelian groups and a problem of K. Borsuk concerning cohomology groups. In: Bulletin de l'Académie Polonaise des Sciences. Band 9, 1961, S. 331–334 (englisch).
  9. ↑ E. Sąsiada, P. M. Cohn: An Example of a Simple Radical Ring. In: Journal of Algebra. Band 5, Nr. 3, 1967, S. 373–377, doi:10.1016/0021-8693(67)90048-8 (englisch).
  10. ↑ Siehe Stefan-Banach-Preis und die dortigen Quellenangaben