Papyrus Ani


Der Papyrus Ani (auch Papyrus des Ani) ist eines der am besten erhaltenen und am prachtvollsten illustrierten Exemplare des ägyptischen Totenbuches. Er wurde in der 19. Dynastie (um 1250 v. Chr.) für den königlichen Schreiber Ani angefertigt und im Jahr 1888 vom britischen Ägyptologen E. A. Wallis Budge in Luxor (Theben) erworben. Heute befindet sich das Artefakt im British Museum in London.
Beschreibung und Aufbau
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Papyrus hat eine Gesamtlänge von rund 23,6 Metern und eine Höhe von etwa 39 Zentimetern. Ursprünglich handelte es sich um eine durchgehende Rolle, die jedoch aus konservatorischen Gründen im British Museum in 37 Einzelblätter zerlegt wurde.[3]
Das Werk zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Qualität der farbigen Illustrationen aus, die einen tiefen Einblick in die altägyptische Jenseitsvorstellung bieten. Der Text ist in kunstvollen ägyptischen Hieroglyphen verfasst, die vorwiegend in schwarzer und für Hervorhebungen oder Kapitelüberschriften in roter Tinte geschrieben wurden.[3]
Der Besitzer Ani
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Papyrus wurde als personalisiertes Grabobjekt für einen Mann namens Ani angefertigt.[3]
Seine Titel im Text lauten unter anderem:[3]
- Königlicher Schreiber
- Schreiber der Opfergaben aller Götter
- Verwalter der Kornspeicher der Herren von Theben
Neben Ani wird auch seine Ehefrau Tjutju, eine Sängerin des Amun-Tempels, auf mehreren Abbildungen und in Gebetstexten dargestellt und namentlich genannt.[3]
Inhalt und Struktur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Manuskript enthält eine Sammlung von fast 200 Zaubersprüchen, Hymnen und rituellen Texten, die dem Verstorbenen helfen sollten, die Gefahren der Unterwelt (Duat) zu meistern und das ewige Leben zu erlangen.[3]
Wichtige Abschnitte und Vignetten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Papyrus lässt sich thematisch in mehrere Hauptabschnitte gliedern:[3]
| Abschnitt | Inhaltliche Schwerpunkte | Bekannte Vignetten |
|---|---|---|
| Kapitel 1–16 | Einzug in die Unterwelt und Hymnen an die Sonnengötter. | Der Trauerzug zum Grab mit der Mumie des Ani. |
| Kapitel 17 | Ein zentraler theologischer Text, der die Entstehung der Welt und die Natur der Götter erklärt. | Darstellung des kosmischen Löwen und des Benu-Vogels. |
| Kapitel 30B | Das berühmte Psychostasie (Wiegen des Herzens). | Ani und Thuthu betreten die Halle der Vollständigen Wahrheit; Anubis wiegt das Herz gegen die Feder der Maat; Thot protokolliert; Ammit wartet auf die Verdammten. |
| Kapitel 42 | Die Identifikation der Körperteile des Verstorbenen mit verschiedenen Gottheiten zum Schutz vor Verfall. | Detailreiche magische Formeln für jedes Organ. |
| Kapitel 125 | Das negative Sündenbekenntnis vor den 42 Totenrichtern. | Ani tritt vor das Gericht des Osiris und beteuert seine Unschuld bezüglich spezifischer Vergehen. |
Entdeckung und Kontroverse
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der britische Ägyptologe Ernest Alfred Wallis Budge erwarb den Papyrus 1888 unter ungeklärten Umständen von lokalen Händlern in Luxor. Um den Fund vor den ägyptischen Altertumsbehörden zu sichern, ließ Budge die Rolle in Stücke schneiden, was ihm heftige Kritik einbrachte, da dadurch einige Textpassagen an den Schnittkanten beschädigt wurden. Budge transportierte die Fragmente nach London, wo sie dem British Museum geschenkt wurden.[3]
Bedeutung für die Forschung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Papyrus Ani gilt als die kanonische Vorlage der sogenannten „Thebanischen Rezension“ des Totenbuches. Aufgrund seines außergewöhnlichen Erhaltungszustands und der Detailfülle der kunstvollen Darstellungen dient er bis heute als eines der wichtigsten Primärzeugnisse für das Studium des altägyptischen Glaubens an das Leben nach dem Tod.[3]
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- E. A. Wallis Budge: The Papyrus of Ani. A Reproduction in Facsimile. Medici Society, London 1913.
- Friedrich Abitz: Das Totenbuch des Ani. In: Kemet. Heft 2, 2001, ISSN 0943-5972.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Übersichtsseite mit allen 37 Teilen des Papyrus Ani (EA 10470) – in der Online-Sammlung des British Museum. Auf: britishmuseum.org; abgerufen am 19. Juni 2026. (englisch).
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Museum number EA10470,3 – Papyrus Ani (Frame 3) in der Online-Sammlung des British Museum. Auf: britishmuseum.org; abgerufen am 19. Juni 2026. (englisch).
- ↑ Museum number EA 10470,36 – Papyrus Ani (Frame 36) in der Online-Sammlung des British Museum. Auf: britishmuseum.org; abgerufen am 19. Juni 2026. (englisch).
- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Ernest A. Wallis Budge: Facsimile of the papyrus of Ani. 2. Auflage. Kegan Paul / Trench / Trübner, London 1894, doi:10.11588/DIGLIT.30603 (uni-heidelberg.de [abgerufen am 17. Juni 2026]).