Treblinka-Lied
Das Treblinka-Lied mit dem Titel Fester Schritt ist ein Lied, das im nationalsozialistischen Vernichtungslager Treblinka auf Anweisung der SS von Häftlingen gesungen wurde.
Text
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Text des Treblinka-Lieds ist in mehreren leicht voneinander abweichenden Versionen überliefert. Zwei stammen aus den Erlebnisberichten von Richard Glazar und Samuel Willenberg, die als „Arbeitsjuden“ in Treblinka eingesetzt waren und beim Lageraufstand am 2. August 1943 entkommen konnten. Eine dritte Version wurde vom ehemaligen SS-Mitglied Franz Suchomel im Interview mit Claude Lanzmann für die Filmdokumentation Shoah im Sprechgesang rezitiert. Sie überliefert neben dem (um vier Verse verkürzten) Text auch die Melodie.
Version Glazar
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Festen Schritts und Tritts und den Blick geradeaus,
immer mutig und froh in die Welt geschaut,
marschiert die Kolonne zur Arbeit.
Für uns gilt heute nur Treblinka,
das unser Schicksal ist.
Drum haben wir uns auf Treblinka
umgestellt in kurzer Frist.
Wir hören auf den Ton der Kommandanten
und folgen ihnen auf den Wink
und geh’n in Schritt und Tritt zusammen
Für alles, was die Pflicht von uns verlangt.
Die Arbeit soll uns alles hier bedeuten
und auch Gehorsamkeit und Pflicht,
wir wollen weiter, weiter leisten,
Bis uns das kleine Glück auch einmal winkt.[1]
Version Willenberg
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Fester Schritt und Tritt
Und der Blick gerade aus
Immer mutig und treu
In die Welt geschaut
Marschieren Kolonnen zur Arbeit
Darum sind wir heute in Treblinka
Das unser Schicksal ist, tara-ra.
Darum sind wir heute in Treblinka
Und gestellt in kurzer Frist
Wir hören auf den Ton des Kommandanten
Und folgen ihm auf jeden Wink;
Wir gehen jeden Schritt und Tritt zusammen
Für alles, was die Pflicht von uns verlangt.
Die Arbeit soll alles hier bedeuten
Und auch Gehorsamkeit und Pflicht;
Wir werden weiter, weiter leisten,
Bis das kleine Glück gibt einmal einen Wink
Hu-Ha![2]
Version Suchomel
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Fest im Schritt und Tritt und den Blick geradeaus
Immer mutig und froh in die Welt geschaut
Marschieren Kommandos zur Arbeit.
Für uns gibt’s heute nur Treblinka
Das unser Schicksal ist.
Drum haben wir uns auf Treblinka
Eingestellt in kurzer Frist.
Wir kennen nur das Wort der Kommandanten
Und nur Gehorsamkeit und Pflicht.
Wir wollen weiter, weiter leisten
Bis dass das kleine Glück uns einmal winkt.
Hurra![3]
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zur Unterhaltung der SS war es in den Konzentrationslagern üblich, dass Häftlinge volkstümliche Lieder oder Marschlieder singen mussten.[4] Der im Vernichtungslager Treblinka als stellvertretender Kommandant eingesetzte SS-Oberscharführer Kurt Franz forderte im Frühjahr 1943 Häftlinge auf, für das Lager ein Lied zu schreiben. Zufrieden mit dem Ergebnis, ließ Franz das Lied von den Häftlingen mit Nachdruck einüben. Das Lied musste nach dem Appell, beim Abmarsch der Kolonnen zur Arbeit, bei der Rückkehr zwei- bis dreimal und beim Abendappell erneut von den Häftlingen gesungen werden.
Zur Urheberschaft von Text und Melodie gibt es widersprüchliche Angaben. Richard Glazar bestätigt, dass die Initiative von Kurt Franz ausging. Der eigentliche (jüdische) Verfasser des Textes bleibt bei ihm anonym („jemand“), die Komposition schreibt er Artur Gold zu.[5] Auch bei Samuel Willenberg bleibt der Urheber des deutschen Textes ungenannt, die Melodie dazu sei von Walter Hirsch (Hirsz) komponiert worden, einem tschechischen Juden, der beim Lageraufstand umkam.[6] Franz Suchomel behauptet im Interview mit Claude Lanzmann, Kurt Franz habe den Text selbst verfasst und die Melodie aus dem KZ Buchenwald mitgebracht, wo er zuvor eingesetzt gewesen war. Tatsächlich entspricht die von Suchomel in der Filmszene gesungene Melodie weitgehend dem von Fritz Löhner-Beda und Hermann Leopoldi geschaffenen Buchenwaldlied.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Richard Glazar: Die Falle mit dem grünen Zaun. Überleben in Treblinka. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1992 (Neuausgabe: Unrast, Münster 2008, ISBN 978-3-89771-819-7).
- Zoltán Kékesi: Die Falle der Erinnerung: das „Treblinka-Lied“ in Claude Lanzmanns Shoah. In: Csongor Lőrincz (Hrsg.): Ereignis Literatur: Institutionelle Dispositive der Performativität von Texten. Transcript Verlag, Bielefeld 2014, ISBN 978-3-8394-1894-9, S. 331–348.
- Claude Lanzmann: Shoah. Claassen, Düsseldorf 1986, ISBN 3-546-45899-0 (Original Lanzman: Shoah. New Yorker Films, 1985).
- Samuel Willenberg: Treblinka. Lager, Revolte, Flucht, Warschauer Aufstand. Übers. Steffen Hänschen. Unrast, Münster 2009, ISBN 978-3-89771-820-3.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Judith Kessler: Der letzte Tango in Treblinka. In: Osnabrücker Rundschau Magazin. 19. März 2025.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Richard Glazar, Die Falle mit dem grünen Zaun, S. 122 f.
- ↑ Samuel Willenberg, Treblinka, S. 134. Von Vers 9 existiert auch die Variante „und gestellt in Reih und Glied“.
- ↑ Claude Lanzmann: Shoah. 1985. (Filmausschnitt auf YouTube, 12. Juni 2013, abgerufen am 20. Februar 2026.) Vers 2 lautet in Suchomels zweiter Rezitation abweichend „immer fest und fest in die Welt geschaut“.
- ↑ Die Konzentrations- und Todeslager. In: Music and the Holocaust. Abgerufen am 21. Februar 2026.
- ↑ Richard Glazar, Die Falle mit dem grünen Zaun, S. 122.
- ↑ Samuel Willenberg, Treblinka, S. 133.