Zur Macht gehört ihre Inszenierung, beide sind untrennbar verbunden und bedingen einander. Die Amtseinführung von Donald Trump illustriert das besonders, sie ist ein Höhepunkt in einer zutiefst amerikanischen Dramaturgie. Eines der Bilder, das hängenbleibt, zeigt aber gar nicht ihn, den mächtigsten Mann der Welt, sondern seinen engen Vertrauten, den reichsten Mann der Welt: Elon Musk reißt auf der Bühne mit verzerrtem Gesicht euphorisch den rechten Arm nach oben, sodass sich Kommentatoren an die Nationalsozialisten erinnert fühlen. Vom „Nazi Salute“ ist in den USA die Rede. Die Deutsche Presse-Agentur meldet sachlich, Musk habe „mit einer dem Hitlergruß ähnlich sehenden Geste für Aufregung gesorgt“.
Er hat es, um genau zu sein, sogar zweimal getan, nach vorne und nach hinten. Wenn Musk tatsächlich den Deutschen Gruß, wie ihn die Nazis nannten, zeigen wollte, hat er es einigermaßen formvollendet hinbekommen. Den rechten Arm reckte er mit flacher Hand auf Augenhöhe schräg nach oben, wie es einst Millionen von Deutschen in ihrem Alltag regelmäßig machten. Nur seine weit zurückgenommene linke Schulter entspricht nicht ganz dem historischen Bild des nationalsozialistischen Grußes. Die Geste scheint eine politische Wahrheit auszudrücken, denn die „Sieg Heil“-Rhetorik der dunkelsten Zeiten unseres Landes samt der Überhöhung des Präsidenten zu einem Messias findet in Washington inzwischen ständig ihr Pendant. Sie scheint zu zeigen, dass den faschistischen Plänen des Trump-Systems nun auch die Gesten folgen.
Elon Musk weist den Vorwurf weit von sich und greift seine Kritiker an. „Offen gesagt, brauchen sie bessere schmutzige Tricks“, schrieb er auf seiner Plattform X. Der Hitler-Bezug sei „so ermüdend“. Dass er einfach nur unbedarft den rechten Arm nach oben gereckt hat, ist hingegen nicht wahrscheinlich. Die Trump-Anhänger beherrschen – wie extremistische Bewegungen auf der ganzen Welt – das Spiel mit Gesten, Bildern und Assoziationen meisterhaft. Die Andeutung unsäglicher Bezüge gehört zum Handwerk des Populisten. Das zeigt sich gerade auch in Deutschland, wo der völkische, nationalistische Sound der AfD immer stärker wird.
Gegen die Unschuldsvermutung spricht auch, wie der amerikanische Journalist Aaron Rupar festhält, dass Elon Musk gerade zur Wahl der AfD aufgerufen hat: „das, was in Deutschland der Nazi-Partei am nächsten kommt“. Mit Alice Weidel hat sich der Trump-Vertraute auf X unterhalten, wobei sie sich, das nur nebenbei, zu der wirren These verstiegen hat, die Nazis seien eigentlich Kommunisten gewesen. Nein, sie haben Kommunisten unerbittlich verfolgt, sie in Gefängnisse und Lager gesteckt. Ungefähr 20.000 Menschen wurden in jenen Jahren ermordet, nur weil sie Kommunisten waren. Etwa die Hälfte der 300.000 KPD-Mitglieder befand sich „mehr oder weniger lange in Haft“, wie die Gedenkstätte Deutscher Widerstand ermittelt hat.
Ein weiterer Unterschied zwischen heute und damals sei erwähnt. Der blanke Judenhass war für die Nazis nicht nur ein Element ihrer Propaganda, sondern deren Kern, und nur so konnte die Shoah als industrialisierter Massenmord geplant und ausgeführt werden. Wer damals aus Überzeugung den rechten Arm reckte, war ein Antisemit, denn Antisemitismus war das Fundament der NS-Ideologie. Die Trumpisten hassen alle möglichen Gruppen, aber die Juden eher nicht. Sie unterscheiden sich damit auch von den versprengten amerikanischen Hakenkreuz-Nazis.
Insofern passt der Hitlergruß eigentlich nicht zu Musk. Aber erfunden wurde er ja auch gar nicht in Deutschland, sondern die italienischen Faschisten hatten ihn etwas früher als Römischen Gruß etabliert. Selbst, wenn Musk nicht alle geschichtlichen Details kennen sollte, die Bedeutung dieser Geste und ihre Wirkung auf die Massen sind nicht an ihm vorübergegangen. Er spielt bewusst damit, es kann nicht anders sein. Er nennt auch den deutschen Bundespräsidenten einen Tyrannen, wohl wissend, dass Frank-Walter Steinmeier vermutlich weltweit einer der Politiker ist, der tyrannische Eigenschaften am wenigsten verkörpert.
In der Geste von Elon Musk zeigt sich das freie Spiel mit historischen Bezügen jenseits objektiver Fakten. Denkbar wäre auch, dass er demnächst ein braunes Hemd trägt, ohne seine Farbwahl zu erklären, oder auf der Bühne unter Applausstürmen skandiert: „Wollt ihr die totale KI?“ Der Tabubruch gehört zum Werkzeug der Populisten. Hitlergruß hin oder her – hoffentlich wandelt sich der Römische und der Deutsche Gruß nicht in einen amerikanischen.
Viel wichtiger als die Hitlergruß-Inszenierung ist aber der Blick auf das Wesen dieses Machtwechsels. Das Totalitäre hat in der ältesten und mächtigsten Demokratie der Welt Einzug gehalten. Personenkult, staatliche Willkür, Nationalismus, Verachtung für demokratische Institutionen, Ausgrenzung, imperiale Ansprüche – all das verkörpert Donald Trump jetzt nicht mehr nur in seinen Reden, sondern zeigt sich taghell in der Dekrete-Flut der ersten Stunden seiner Amtszeit. Der Präsident fügt der Geschichte des Faschismus ein neues Kapitel hinzu, und die Gesten folgen in freier Assoziation.
Letztlich ist also die Hitlergruß-Erörterung müßig. Nicht, wie die Geste gemeint war, sondern wie sie wirkt, ist entscheidend. Autorin Jagoda Marinić spricht zu Recht auf der sozialen Plattform Bluesky von einem „Bullshit Wettbewerb, was das alles sein konnte, abgesehen von dem wonach es aussieht“. Der Grundsatz „What you see is what you get“ stammt ursprünglich aus der Computerwelt, die Elon Musk geprägt hat, aber er gilt auch hier. Es ist so, wie es aussieht. Die Frage, was er sich gedacht haben könnte, lenkt vom eigentlichen bestürzenden Geschehen ab. Der gehobene rechte Arm inszeniert die neue Macht in Washington durchaus treffend.