Der Silberbaum des Dschingis Khan
Tataren nannte man sie in Europa - ex tartaro: direkt aus der Hölle! Gemeint sind die Mongolen, die Europa in Angst und Schrecken versetzten, als sie 1242 in Ungarn einfielen. Nur der Tod ihres Herrschers Ögedei rettete damals den Kontinent
Tataren nannte man sie in Europa - ex tartaro: direkt aus der Hölle! Gemeint sind die Mongolen, die Europa in Angst und Schrecken versetzten, als sie 1242 in Ungarn einfielen. Nur der Tod ihres Herrschers Ögedei rettete damals den Kontinent vor einem Desaster. Seither galten die Mongolen als marodierende Wilde, die auf den Rücken ihrer kleinen Pferde die Christenheit bedrohten. Dieses Bild hat sich bis heute gehalten. Immer noch weiss man nur wenig von der Kultur dieses Grossreichs, das sich einst vom Pazifischen Ozean bis nach Mitteleuropa erstreckte.
Im Jahr 1206 einigte Dschingis Khan die untereinander verfeindeten Nomadenstämme der Mongolei und verschweisste sie zu einem Reich. Es war die Voraussetzung für den Aufstieg zur Weltmacht, zum flächenmässig grössten Staat der Welt. Nächstes Jahr wird diese Reichsgründung 800 Jahre her sein, und der moderne Staat Mongolei wird dieses Jubiläum mit viel Aufwand feiern, die Vorbereitungen dazu sind in vollem Gange. So gräbt seit fünf Jahren ein mongolisch-deutsches Archäologenteam in der alten Hauptstadt Karakorum. Diese Ausgrabungen nehmen in der grossen Mongolenschau «Dschingis Khan uns seine Erben» einen zentralen Platz ein, weil die Stadt wichtiger Teil der mongolischen Identität ist, die es heute zu festigen gilt.
Wenig bekannt ist, dass Dschingis Khan nicht nur ein rücksichtsloser Eroberer, sondern auch ein umsichtiger Staatsmann war. Er stattete sein Grossreich mit Errungenschaften aus, von denen man in Europa damals noch weit entfernt war. Die sogenannte Pax Mongolica breitete sich aus, eine Friedenszeit, die bis zum Ende des 14. Jahrhunderts andauern sollte. Sie ermöglichte einen intensiven Handel entlang der Seidenstrasse, dem der kulturelle Austausch zwischen Asien und Europa auf dem Fusse folgte. Im Gegensatz zu vielen westlichen Herrschern tolerierte der Khan fremde Religionen und Kulturen; an seinem Hof tummelten sich Gesandte, Kunsthandwerker und Gelehrte aller Herren Länder.
Pax Mongolica
Doch um all dies zu verwalten, brauchte der in Jurten lebende Nomade Dschingis Khan ein festes Zentrum, eine Stadt! 1220, sieben Jahre vor seinem Tod, soll er deswegen Karakorum gegründet haben. Der erstaunliche Ort, erbaut mitten in den Weiten der endlosen Grassteppe und fern jeder anderen Stadt, entwickelte sich zu einer multikulturellen und konfessionell vielfältigen Metropole, über welche die Reisenden und Missionare aus dem Westen nur mit Staunen berichten konnten. Gemäss dem wichtigsten Informanten, dem flämischen Franziskanermönch Wilhelm Rubruk, standen hier «zwölf Götzentempel . . . zwei Moscheen . . . und sogar eine christliche Kirche». Im Thronsaal des Palastes soll ein Getränke spendender Baum aus Silber, gekrönt von einem Trompete blasenden Engel, gestanden haben. Dieses Werk eines Pariser Goldschmieds beflügelte wie kein anderes die Phantasie der Menschen und wurde zum Sinnbild der Stadt Karakorum und ihrer unglaublichen, aber für westlichen Geschmack auch etwas seltsamen Pracht am Hof der mongolischen Herrscher.
Nur kurze Zeit bestimmte Karakorum die Geschicke des Weltreichs. Schon 1388 wird die Stadt von chinesischen Invasoren zerstört, erlebt im 16. Jahrhundert eine zweite Blütezeit als mongolische Hauptstadt und zerfällt dann allmählich. 1567 zum letzten Mal erwähnt, existiert sie heute nur mehr als Ruinenfeld.
«Seit 1999 graben wir, das heisst ein mongolisch-deutsches Team, an zwei Stellen im Stadtgebiet», erklärt Hans- Georg Hüttel vom Deutschen Archäologischen Institut, der Leiter der Ausgrabungen: in der Stadtmitte und im Palastbezirk, wo die Residenz der regierenden Khane gestanden haben soll. In der Stadtmitte legten die Archäologen einen Abschnitt der Hauptstrasse und die daran anschliessenden Wohn- und Gewerbeviertel frei. Hier standen Metallwerkstätten, Betriebe zur Glas- und Edelsteinbearbeitung und ein Atelier, in dem Birkenrinde - ein Papierersatz - verarbeitet wurde. In diesem Handwerkerviertel wohnten hauptsächlich Chinesen, wie die glasierten chinesischen Tonwaren erkennen lassen. Sie bauten sich ihre Häuser nach ihrem Geschmack aus ungebrannten, luftgetrockneten Lehmziegeln und leisteten sich erstaunlicherweise - mitten in der Grassteppe - den Luxus von Fussbodenheizungen.
Münzfunde zeigen, dass die fremdländischen Händler ihre Einkäufe mit eigenem Geld bezahlten, denn es fanden sich ausser den Bronzemünzen aus China auch Silberstücke aus Mittelasien. Europäische Prägungen bisher, sie sind aber durchaus zu erwarten. Die archäologischen Funde bestätigen somit den schon von den Reiseberichten bekannten kosmopolitischen Charakter der mongolischen Hauptstadt.
Seit fünf Jahren laufen auch Ausgrabungen im sogenannten Palastbezirk. Dieses durch Wälle abgeschlossene Areal von etwa 240 auf 250 Metern liegt leicht erhöht und abgesondert am südwestlichen Stadtrand. Es war schon 1949 durch den russischen Ausgräber Sergei Kiselew teilweise untersucht worden; er identifizierte die von ihm entdeckte grosse Säulenhalle - voreilig, wie man jetzt weiss - als Herrscherpalast. Diese Residenz wird vom Franziskaner Rubruk tatsächlich als grosse Halle beschrieben.
Tempel statt Palast
«Unsere Grabungen erlaubten aber keine Bestätigung von Kiselews Deutung», sagt Hüttel, «Baureste, Statuen, Reliefschmuck und Malereien stammen eindeutig von einem buddhistischen Tempel.» Das sei eine Überraschung, weil damit der Buddhismus hier bereits für das 13. Jahrhundert als Staatsreligion nachgewiesen sei - viel früher als bisher angenommen!
Das buddhistische Heiligtum ist ein quadratischer Hallenbau: 64 Holzsäulen von 60 Zentimetern Durchmesser auf Granitbasen standen in einem Quadrat von 37 auf 37 Meter. Unterschiedlich gestaltete Fussbodenbeläge aus grünen und grauen, glasierten und unglasierten Fliesen, unterbrochen von diagonalen Passierwegen, ergeben eine mandalaartige Figur. Im Zentrum steht ein Stupa, ein massiver buddhistischer Kultbau für Reliquien. Darum herum entdeckten die Archäologen Tausende von kleinen Miniaturstupas aus Ton und andere buddhistische Votive - klare Hinweise auf die Funktion des Gebäudes: «Solche Weihegaben haben in einem Palast nichts zu suchen», erklärt Hüttel.
Die Figuralplastik wie auch die Fragmente von Wandmalereien sind laut Hüttel klar buddhistisch, aber in einem einzigartigen, internationalen «indo(nepalesisch)-tibetischen» Stil des 12. bis 14. Jahrhunderts gearbeitet. Prägend seien Einflüsse aus Tibet und Nepal, vieles gehe aber auch auf die indische Kunst zurück. Beherrschendes Thema sind die fünf transzendentalen Buddhas, die auf zahlreichen Tonreliefs dargestellt sind. Von mehreren bis sieben Meter hohen Buddha- und Bodhisattvafiguren (Hilfsgötter) fanden die Archäologen Fragmente von Ohren, Nasen, Augen und Zehen.
Wer hat nun diesen Tempel erbaut? Neben Wilhelm Rubruk, der sich dazu nicht äussert, gibt es auch persische Gelehrte, die Karakorum besucht haben. Sie überliefern, dass die Stadt - und damit auch der Tempel - nicht von Dschingis Khan, sondern von seinem Sohn und Nachfolger Ögedei, dem Schrecken Europas, 1235 erbaut worden sei. Das Archäologenteam konnte nun 2003 einen sensationellen Fund vermelden: das Fragment einer Steinstele mit einer mongolisch-chinesischen Inschrift aus dem Jahr 1346. Sie nennt zwar Dschingis Khan als Stadtgründer und das Jahr 1220 als Gründungsjahr, aber sie bezeichnet Ögedei als Erbauer von Palast und Tempel. Also hat zwar der Vater Karakorum gegründet, aber erst der Sohn hat es gebaut. Zur Zeit Dschingis Khans stand hier wohl lediglich eine grosse Jurtenstadt.
Weil der sogenannte Palast durch die Ausgrabungen eine Umdeutung erfahren hat und jetzt als Tempel interpretiert wird, stellt sich die Frage, wo der in der Inschrift von 1346 erwähnte Palast stand. «Wir wissen es vorläufig nicht», sagt Georg Hüttel, «aber die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat uns soeben für weitere fünf Jahre Gelder zugesichert. Wir können unsere Forschungen weiterführen.»
Vielleicht haben die Archäologen Glück und entdecken den Palast, und wenn das Glück sehr grosszügig ist, stossen sie sogar auf den legendären Silberbaum.
«Dschingis Khan und seine Erben», bis 25. 9. in der Ausstellungshalle Bonn; 26. 10. bis 29. 1. 2006 im Staatlichen Museum für Völkerkunde in München.



















