
Rom.
Monte Cavallo
Rom, den 3. November.
Einer der Hauptbeweggrnde, die ich mir vorspiegelte, um nach Rom zu eilen, war das Fest Allerheiligen, der erste November; denn ich dachte, geschieht dem einzelnen Heiligen so viel Ehre, was wird es erst mit allen werden. Allein wie sehr betrog ich mich! Kein auffallend allgemeines Fest hatte die rmische Kirche beliebt, und jeder Orden mochte im besondern das Andenken seines Patrons im stillen feiern; denn das Namensfest und der ihm zugeteilte Ehrentag ist's eigentlich, wo jeder in seiner Glorie erscheint.
Gestern aber, am Tage Allerseelen, gelang mir's besser. Das Andenken dieser feiert der Papst in seiner Hauskapelle auf dem Quirinal. Jedermann hat freien Zutritt. Ich eilte mit Tischbein auf den Monte Cavallo. Der Platz vor dem Palaste hat was ganz eignes Individuelles, so unregelmig als grandios und lieblich. Die beiden Kolossen erblickt' ich nun! Weder Auge noch Geist sind hinreichend, sie zu fassen. Wir eilten mit der Menge durch den prchtig gerumigen Hof eine bergerumige Treppe hinauf. In diesen Vorslen, der Kapelle gegenber, in der Ansicht der Reihe von Zimmern, fhlt man sich wunderbar unter einem Dache mit dem Statthalter Christi.
Die Funktion war angegangen, Papst und Kardinle schon in der Kirche. Der heilige Vater, die schnste, wrdigste Mnnergestalt, Kardinle von verschiedenem Alter und Bildung.
Mich ergriff ein wunderbar Verlangen, das Oberhaupt der Kirche mge den goldenen Mund auftun und, von dem unaussprechlichen Heil der seligen Seelen mit Entzcken sprechend, uns in Entzcken versetzen. Da ich ihn aber vor dem Altare sich nur hin und her bewegen sah, bald nach dieser, bald nach jener Seite sich wendend, sich wie ein gemeiner Pfaffe gebrdend und murmelnd, da regte sich die protestantische Erbsnde, und mir wollte das bekannte und gewohnte Meopfer hier keineswegs gefallen. Hat doch Christus schon als Knabe durch mndliche Auslegung der Schrift und in seinem Jnglingsleben gewi nicht schweigend gelehrt und gewirkt; denn er sprach gern, geistreich und gut, wie wir aus den Evangelien wissen. Was wrde der sagen, dacht' ich, wenn er hereintrte und sein Ebenbild auf Erden summend und hin und wider wankend antrfe? Das Venio iterum crucifigi! fiel mir ein, und ich zupfte meinen Gefhrten, da wir ins Freie der gewlbten und gemalten Sle kmen.
Hier fanden wir eine Menge Personen die kstlichen Gemlde aufmerksam betrachtend, denn dieses Fest Allerseelen ist auch zugleich das Fest aller Knstler in Rom. Ebenso wie die Kapelle ist der ganze Palast und die smtlichen Zimmer jedem zugnglich und diesen Tag fr viele Stunden frei und offen, man braucht kein Trinkgeld zu geben und wird von dem Kastellan nicht gedrngt.
Die Wandgemlde beschftigten mich, und ich lernte da neue, mir kaum dem Namen nach bekannte treffliche Mnner kennen, so wie z. B. den heitern Karl Maratti schtzen und lieben.
Vorzglich willkommen aber waren mir die Meisterstcke der Knstler, deren Art und Weise ich mir schon eingeprgt hatte. Ich sah mit Bewunderung die heilige Petronilla von Guercin, ehmals in St. Peter, wo nun eine musivische Kopie anstatt des Originals aufgestellt ist. Der Heiligen Leichnam wird aus dem Grabe gehoben und dieselbe Person neubelebt in der Himmelshhe von einem gttlichen Jngling empfangen. Was man auch gegen diese doppelte Handlung sagen mag, das Bild ist unschtzbar.
Noch mehr erstaunte ich vor einem Bilde von Tizian. Es berleuchtet alle, die ich gesehen habe. Ob mein Sinn schon gebter, oder ob es wirklich das vortrefflichste sei, wei ich nicht zu unterscheiden. Ein ungeheures Megewand, das von Stickerei, ja von getriebenen Goldfiguren starrt, umhllt eine ansehnliche bischfliche Gestalt. Den massiven Hirtenstab in der Linken, blickt er entzckt in die Hhe, mit der Rechten hlt er ein Buch, woraus er soeben eine gttliche Berhrung empfangen zu haben scheint. Hinter ihm eine schne Jungfrau, die Palme in der Hand, mit lieblicher Teilnahme nach dem aufgeschlagenen Buche hinschauend. Ein ernster Alter dagegen zur Rechten, dem Buche ganz nahe, scheint er dessen nicht zu achten: die Schlssel in der Hand, mag er sich wohl eigenen Aufschlu zutrauen. Dieser Gruppe gegenber ein nackter, wohlgebildeter, gebundener, von Pfeilen verletzter Jngling, vor sich hinsehend, bescheiden ergeben. In dem Zwischenraume zwei Mnche, Kreuz und Lilie tragend, andchtig gegen die Himmlischen gekehrt. Denn oben offen ist das halbrunde Gemuer, das sie smtlich umschliet. Dort bewegt sich in hchster Glorie eine herabwrts teilnehmende Mutter. Das lebendig muntere Kind in ihrem Schoe reicht mit heiterer Gebrde einen Kranz herber, ja scheint ihn herunterzuwerfen. Auf beiden Seiten schweben Engel, Krnze schon im Vorrat haltend. ber allen aber und ber dreifachem Strahlenkreise waltet die himmlische Taube, als Mittelpunkt und Schlustein zugleich.
Wir sagen uns: hier mu ein heiliges altes berliefertes zum Grunde liegen, da diese verschiedenen, unpassenden Personen so kunstreich und bedeutungsvoll zusammengestellt werden konnten. Wir fragen nicht nach wie und warum, wir lassen es geschehen und bewundern die unschtzbare Kunst.
Weniger unverstndlich, aber doch geheimnisvoll ist ein Wandbild von Guido in seiner Kapelle. Die kindlich lieblichste, frmmste Jungfrau sitzt still vor sich hin und nht, zwei Engel ihr zur Seite erwarten jeden Wink, ihr zu dienen. Da jugendliche Unschuld und Flei von den Himmlischen bewacht und geehrt werde, sagt uns das liebe Bild. Es bedarf hier keiner Legende, keiner Auslegung.
Nun aber zu Milderung des knstlerischen Ernstes ein heiteres Abenteuer. Ich bemerkte wohl, da mehrere deutsche Knstler, zu Tischbein als Bekannte tretend, mich beobachteten und sodann hin und wider gingen. Er, der mich einige Augenblicke verlassen hatte, trat wieder zu mir und sagte: Da gibt's einen groen Spa! Das Gercht, Sie seien hier, hatte sich schon verbreitet, und die Knstler wurden auf den einzigen unbekannten Fremden aufmerksam. Nun ist einer unter uns, der schon lngst behauptet, er sei mit Ihnen umgegangen, ja er wollte mit Ihnen in freundschaftlichem Verhltnis gelebt haben, woran wir nicht so recht glauben wollten. Dieser ward aufgefordert, Sie zu betrachten und den Zweifel zu lsen, er versicherte aber kurz und gut, Sie seien es nicht und an dem Fremden keine Spur Ihrer Gestalt und Aussehns. So ist doch wenigstens das Inkognito fr den Moment gedeckt, und in der Folge gibt es etwas zu lachen.
Ich mischte mich nun freimtiger unter die Knstlerschar und fragte nach den Meistern verschiedener Bilder, deren Kunstweise mir noch nicht bekannt geworden. Endlich zog mich ein Bild besonders an, den heiligen Georg, den Drachenberwinder und Jungfrauenbefreier, vorstellend. Niemand konnte mir den Meister nennen. Da trat ein kleiner, bescheidener, bisher lautloser Mann hervor und belehrte mich, es sei von Pordenone, dem Venezianer, eines seiner besten Bilder, an dem man sein ganzes Verdienst erkenne. Nun konnt' ich meine Neigung gar wohl erklren: das Bild hatte mich angemutet, weil ich, mit der venezianischen Schule schon nher bekannt, die Tugenden ihrer Meister besser zu schtzen wute.
Der belehrende Knstler ist Heinrich Meyer, ein Schweizer, der mit einem Freunde namens Clla seit einigen Jahren hier studiert, die antiken Bsten in Sepia vortrefflich nachbildet und in der Kunstgeschichte wohl erfahren ist.