Vermutlich wäre ich lieber jünger. Nicht, weil ich jünger sein möchte, sondern weil so viele Züge schon für mich abgefahren sind. Ich werde mit Sicherheit kein Wunderkind mehr sein, in welcher Disziplin auch immer. Ich bin ein waschechter Babyboomer, eine von denen, die an allem schuld sind, was mittlerweile schief läuft. Am Klimawandel, an dem bevorstehenden Kollaps des Pflegesystems, an den Dieselautos, mit denen wir immer noch rumfahren, an den Öl- und Gasheizungen, mit denen wir unsere Häuser heizen. Wir sind zu viele, aber dafür können wir ja schließlich nichts. Irgendwie haben wir immer den Markt bestimmt, auf Grund der schieren Masse. Jetzt bewegt sich diese Masse auf das Rentenalter zu oder hat es bereits erreicht und die Werbepausen der öffentlich-rechtlichen Sender, die wir bevorzugt schauen, sind eine einzige Ansammlung von Werbung für Salben gegen Schmerzen in Gelenken, Pillen gegen Gedächtnisverlust oder Hilfsmittel wie Hörgeräte oder Brillen. Der nächste runde Geburtstag ist der siebzigste, nimm das endlich zur Kenntnis.
In einer neuen Studie zum Verhalten der Generation Z und der nachfolgenden Generation Alpha in Bezug auf Arbeit und Beruf kam heraus, dass die Generation Z noch von Work-Life-Balance sprach, während die Alphas den Work-Life-Cut ausrufen werden. Als ich in den Zwanzigern war, zitierten wir den Satz „lunch is for loosers“ aus „Wallstreet“. Dauerarbeitende Workaholics waren mein Vorbild. Drei Wochen Urlaub? Unmöglich. Als ich in meinen Dreißigern mein erstes Diensthandy hatte, tauschten wir uns im Kollegenkreis auch nach Feierabend über die Themen und Probleme am Arbeitsplatz aus und fanden das toll. Wenn die Generation Alpha jetzt das Diensthandy nach Dienstschluss ausmachen wird, kann ich nur sagen: Herzlichen Glückwunsch, alles richtig gemacht. Jetzt muss ich mich mit dem kleinen Rest meines Lebens beschäftigen und habe die Wahl zwischen das Glas ist halbleer, also noch etwa zehn Jahre, oder das Glas ist halb voll, vielleicht noch zwanzig Jahre und dann ist die nächste Frage, wie fit, beweglich und klar im Kopf werde ich in meinen Achtzigern sein, sofern ich sie erlebe? Da hilft nur eine achtsame Atemübung, auf vier ein und auf acht ausatmen. Vielleicht auch mal wieder Yoga, die Kriegerin wäre eine passende Übung. Im Prinzip ist es also völlig egal, ob ich noch etwas zustande bringe, egal auf welchem Gebiet, denn künstlerische Neuentdeckungen bei Menschen über dreißig interessieren eh niemanden. Das nimmt natürlich auch gleichzeitig sehr viel Druck weg. Man kann nach Herzenslust trivialen Käse produzieren, als ehemaliger Workaholic wäre ich sogar finanziell in der Lage ihn selbst zu publizieren, zum Beispiel über einen Zuschuss Verlag. Gut, soweit wird es nicht kommen. Und schon wieder habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht dankbar bin dafür, wie gut es mir doch geht. Ist es legitim, sich über eine Situation aufzuregen, die, objektiv betrachtet nichts anderes ist, als das berühmte „Jammern auf hohem Niveau“? Wer hat eigentlich entschieden, wo die Grenze ist? Ab wann man jammern darf? Die persönliche Resilienz gegenüber Situationen ist ja völlig unterschiedlich, warum steht es mir nicht zu, mich darüber aufzuregen, dass ich gefühlt keine Zeit mehr habe? Hier, auf diesem Blatt Papier werde ich mich schamlos darüber hinwegsetzen und jetzt mal rumjammern, was das Zeug hält. Ich merke gerade, dass mir das echt schwer fällt. Schon wieder bin ich auf dem Trip, dass das ja alles dazu da ist, dass ich daran wachse. Gestärkt aus dieser Krise hervorgehe. Und ist es nicht so, dass ein Leben auch nichts anderes ist, als eine Heldenreise? Aufgaben meistern, Hürden überwinden. Und wenn es gut läuft, eine weise Alte werden, die milde lächelnd in ihrem Lehnstuhl sitzt und auf die schaut, die noch alles vor sich haben, ohne dabei neidisch zu werden. Vermutlich würden jetzt alle, die mich gut kennen, in schallendes Gelächter ausbrechen, bei der Vorstellung, dass ich eine mildlächelnde Seniorin werden könnte. Wie es kommen wird, weiß ja keiner. Meine Lieblingsidee war ja schon immer, dass ich in einen Buchladen gehen könnte und dort meine Biografie finden würde. Nachschlagen könnte, zum Beispiel bei 2027, um zu lesen, was da so passiert. Oder das Buch von hinten lesen, um zu wissen, wie es ausgeht. Okay, wenn ich es mir recht überlege, finde ich das doch nicht so toll. Unter Umständen würde ich in Ohnmacht fallen oder angesichts eines Dramas, das mir noch bevorsteht, neuntausend Euro für meinen assistierten Suizid ausgeben um Allem aus dem Weg zu gehen.
Die Vernunft siegt. Doch keine Kampfschrift gegen die Ungerechtigkeit des Lebens im Allgemeinen und meines Lebens im Besonderen. Einfach eine kleine Larmoyanz. Noch vier Jahre bis Siebzig. Gib Gas, Alte.














