Wupperpostille klingt nach Lokalnachrichten, manchmal geht es hier auch um regionales Klein-Klein. Sonst aber eher um geneigten Austausch mit euch, die ihr selbst bewegt seit von dem Leben, wie es nun einmal ist. Um Glaube, Vertrauen, Menschlichkeit, Mitgefühl, Philosophie, Alltagskram.
Darum, mir bei aller Breite,Tiefe und zeitweisen Schwere des Lebens das lachen zu bewahren.
Um der Liebsten Geburtstag herum verreisen wir gerne. Dieses Jahr eben nach Koblenz, mit D-Ticket und Regio-Bahn. Das geht, sogar gut, wenn man die Fahrpläne nicht wörtlich nimmt, sondern als Empfehlungen betrachtet und sich reichlich Zeitpuffer gönnt. Ein 35-Liter Rolli passt in die gängigen Gepäck-Ablagen und der kleine Rucksack auf den Schoß.
☆
Hier statt Worte ein paar Bilder.
☆
Ein Ausflug mit dem Doppeldeckerbus nach Burgen an der Mosel, von Koblenz aus 25 Km flussaufwärts. Ein Ort, mir noch dunkel in Erinnerung am versumpfte Zeiten, damals alljährlich zu Pfingsten – abschädeln im nahen Steinbruch. Nein, es war keine Ach-weiste-noch-Romantik, der Bus fuhr schlicht nicht weiter.
☆
Die Festung Ehrenbreitstein. Der Besuch obligatorisch, heute bequem mit Seilbahn. Beklemmende Eindrücke deutschen Militarismus, aufgelockert durch eine Kunstausstellung sowie durch sonniges Wetter.
Finde ich richtig gut, wenn sich die Touris an ihr Gastland anpassen.
☆
Lange Flure machen nachdenklich. Hauptsache, Licht am Ende.
☆
Lecker essen geht immer.
Ein paar runde Tage, schnell vorüber. Den Katzen ist es recht, obgleich gut versorgt fehlen wir hier. Nächste Woche beginnt die Einarbeitung des neuen Kollegen, der meinen Job nach Renteneintritt „so nebenbei“ mit erledigen soll. Werde voraussichtlich weniger online sein, vorerst.
☆
Das „Wort des Tages“ heute, bei der Wildgans, lautete „Berührung“. Meine Haut ist berührbar, so wie mein Herz, meine Seele. Das ist (immer noch) etwas besonderes. Tat ich doch einiges, mich unberührbar zu machen. Es ist Magie, immer wieder.
Selbst habe ich einen Vogel, einen schwarzen. Der lässt sich, auf meiner Schulter sitzend, nicht einwickeln, aber besänftigen. Fort will er nicht, das hätten wir klar. Chef soll er aber auch nicht sein, da schmollt er und wirft mit seltsamen Argumenten umher. „Selbst schuld“, meint er. „Suchst dir komische Eltern, fährst dir komische Sachen hinein und wunderst dich dann über mich.“ „Jaja, schon gut“, entgegne ich ihm. „Darfst bleiben, aber mach dich nicht größer, als du bist.“
Irgendwann vielleicht hole ich ihm einen Gefährten, der darf dann auf der anderen Schulter sitzen, wegen dem Gleichgewicht. Sollen die beiden sich austauschen, sind sie beschäftigt, lästern über mich vielleicht. Eh, ihr Vögel, sag ich dann, ich hab auch zwei Arme mit zwei Händen. Und zwei Mittelfinger. Für jeden von euch einen, also seid sittsam, wenn ihr schon nicht singen könnt.
Heute vor genau 4 Jahren bist du gegangen. Ich denke öfter an dich. Liebe war es nicht, die uns verband. Gleichgültigkeit aber auch nicht. Danke für die Beharrlichkeit, für den zähen Überlebenswillen.
Countdown läuft und alles ist in schönster Unordnung. Stück für Stück räume ich fort, auf, ordne ein, freue mich über kleine Etappensiege. Irgendwas zwischen sich endlos türmenden Papierkram, der auf den Scanner und auf den passenden Ordner wartet, Rechnungen, Autowartung, Rentenvorbereitung, Mutter, organisieren einer Doppelimpfung (komplizierter als gedacht). Das alles kombiniert mit einer Grundmüdigkeit, die kaum beschreibbar ist.
Nicht zuletzt noch meine Restarbeitszeit. Der Lieblingskollege hat Urlaub und fehlt mir. Das sage ich nicht laut, nicht dass hier noch Tränchen verdrückt werden, wenn ich dann in absehbarer Zukunft dauerweg bin. Ein anderer Kollege soll meinen Job „so nebenbei“ mit machen und wir haben zu dem Zweck diesbezüglich ab nächsten Monat lächerlich wenig Zeit füreinander. Ich schreibe im Sinne eines geordneten Übergangs Mails und höre, die werden nicht gelesen. Ja dann. Bin bald Rentner Privatier (klingt nicht so gruftig) und meine kommenden Übergänge haben mit Autos nix mehr zu tun.
Umbruchzeit. Die Entscheidung ist gefallen, der Aufhebungsvertrag unterzeichnet, der Rentenantrag online so gut wie fertig und wartet auf das finale Go. Ab 1.3 nächsten Jahres werde ich Früh(!)-Rentner sein, nach dann 48.5 Berufsjahren. Es fühlt sich seltsam an, wenn es konkret wird. Eine Mischung aus Freude, Erleichterung, aber auch Wehmut. Im Grunde habe ich meinen Beruf schon gerne ausgeübt, von den letzten Jahren mal abgesehen, in denen mir Stück für Stück Kompetenzen abgesprochen wurden – teils durch strukturelle Umstände, teils durch Uneinsichtigkeit. Seis drum, ist alles bald Geschichte. Einen Nachfolger gibt es nur halbherzig, so, wie sie sich das vorstellen, wird es nicht funktionieren. Auch nicht mein Problem.
Habe bald fertig.
Und dann? Mutter, solange es sie noch gibt, Familie, soweit sie mich lässt. Ich halte mich nicht für einen Familienmenschen, zu groß war mein Versagen diesbezüglich. Andere Zeit, klar, aber die Selbstzweifel sind da. Es findet sich, und Hoffnung gibt es auch. Die ehemalige Unbehausung ist ein Stück der Zuversicht gewichen, der Seelennomade in mir hat Halt gefunden, neigt aber immer noch zum mäandern. Es grenzt für den schon an ein Wunder, einige wenige Menschen so dicht an sich heranzulassen.
Und so sitze ich hier, immer noch, mit Kinski-Konterfei auf der Brust den Kopf in Geometrien versenkt und nebenbei so Sachen aufschreibend. Wird aus mir Einzelkämpfer doch noch ein Teamplayer, familiär oder in Gemeinschaft von Gleichgesinnten hier in der Stadt? Einen (und ggf. auch mehrere) Versuch(e) ist/sind es wert.
Tu mir mal dat Klötzken – tönt er in Richtung seiner Frau, die vor ihm an der Kasse verweilt und Zugriff auf den gewünschten Gegenstand hat. Warentrenner heißt dat, du Esel, zischt sie zurück und reicht ihm das gewünschte bunte Holzstück. Wat sollichn damit trennen, dat Brot schneiden wir doch eh erst zuhause an, wirft der so Zurechtgewiesene nachvollziehbar ein. Meinetwegen kannste dir nochn Scheitel damit ziehen, grummelt das sprachbegabte Eheweib.
Grinsend höre ich den beiden zu und frage mich. was sie wohl tief innen verbindet. Irgendwas kann jeder, denkt es weiter hinten und ich wünsche den beiden eine glänzende Zukunft.
Man sitzt beim gemeinsamen Tafeln und ich staune über manch fragwürdige Kommunikation. Man kennt das vielleicht, jemand sagt was und sofort springt mich die Unsicherheit an – macht der Spaß oder hat der das jetzt ernst gemeint? Wie findet man so etwas heraus? Kniffelig, aber möglich. Fragen stellen hilft bei der Wahrheitsfindung, abstruse Einwände einwerfen manchmal auch.
Die Rede ist von allerhand Meeresbewohner, zunächst jene, die sich irgendwann auf dem Speiseplan wiederfinden, aber auch andere, die einem gekonnt mal einen Urlaubstag versauen können. Zunächst wird gemutmaßt, ob die Salzheringe schon von Natur aus so salzig sind oder ob sie womöglich nachgesalzen werden. Da muss ich angestrengt nachdenken, Nee, sage ich, die sind so, die kommen aus dem toten Meer, das sind die letzten, die da wohnen, darum heißt das Meer auch so. Interessant war die Reihenfolge des nicht gleichzeitig einsetztenden Gelächters, war wohl doch eine berechtigte Frage. Der Fragesteller musste erst nachdenken, dann lachen. Kenne ich, ne Viertelstunde später bin ich auch total spontan.
Weiter geht die Tischkommunikation. Wo man schon gerade beim Wasser ist, kommt man zur zweiten genannten Kategorie, die der Plagegeister. Seeigel, Quallen, son Gelumpe. Viele verschiedene Quallen werden aufgezählt, oder besser, ihre Farben, anhand derer man den Grad ihrer Penetranz erkennen kann. Formen sind auch ein Thema, ich höre, es soll sogar Würfelquallen geben. Klar, sage ich, die kommen aus Las Vegas, und habe auf der inneren Leinwand das Bild meines alten, beleibten Kumpels beim schocken (Würfelspiel) am Tresen. Was ich da rede, wäre ernst gemeint – ja, sage ich, meine Antwort auch, und endlich fällt der Groschen, alle haben sich wieder lieb.
Fazit: Die Recherche eben ergab, Würfelquallen gibt es wirklich. Wieder was gelernt. Und – gemeinsam essen kann auch Spaß machen. War die gängige Meinung des Abends.
(Bildquelle Wikipedia)
☆
Wenn mir fad ist, grabe ich manchmal nach guter, neuer Musik. Für mich neu, sie darf gerne auch älter sein. Hin und wieder gerate ich bei solch sinnfreier Beschäftigung an echte Ohrwürmer. Dann berührt mich etwas, erinnert mich an längst vergangene Zeiten. Wie das unten stehende Liedchen. Russisch Roulette spielte ich oft, nicht mit Vorsatz, ich war so unbedarft jungblöd. Mal waren es versoffene ONS mit und ohne Folgen. Mal waren es mehr als fragwürdige Konsumgesellschaften, mal waren es gruselig betäubte Heimfahrten, bei denen Gott sei Dank niemand zu Schaden kam. Im Nachgang gleicht so vieles einem Wunder – dann kommt Jahrzehnte später ein Liedchen und bringt es auf den Punkt. Das Original ist übrigens von 1982- passt also auch zeitlich.
Aus einem Kommentar von mir, der wieder mal für einen eigenen Eintrag taugt.
☆
Ihr könnt alle nachhause gehen, der Krieg ist aus. So sagte der Bunkerwart am Morgen des 16 April 45. Zuhause, wo war das? Es gab ein Zimmer für 8 Personen und in der Nacht einen umgedrehten Tisch mit Decken drin als Bett für sie. Es ging ihnen noch gut, im Vergleich zu denen, die in halb gefluteten Kellerruinen auf Holzplanken hausen mussten.
2 Jahre zuvor
Sie schickten sie raus, zum spielen, Ende Mai 43. Das war leicht, weil drinnen gab es nicht mehr. Marodierende, plündernde Zwangsarbeiter mit guten Herzen hatten sie aus den Keller des zerbombten Hauses geholt, bevor sie dort, wie so viele andere ersticken sollten. Und so lief sie am Tag danach durch den Park und staunte über die deutschen Tugenden wie Ordnung und Struktur, erkennbar an den sauber in Reihe liegenden Leichen der Nacht. Manche waren klein und doch keine Kinder, verkohlte Bündel Restmenschen, zugerichtet von Phosphor und flüssigen Asphalt. Das kleine Mädchen war meine Mutter, damals knapp 8 Jahre jung.
Anders dagegen mein Vater. Der schob Anfang 45 seine Mutter, nach den ungeplanten Folgen einer Zwangssterilisation im Rollstuhl sitzend, im Hasengang durch die Straße. Immer im ZickZack, von Hauseingang zu Hauseingang. Sie flogen so tief, dass er die Gesichter der Piloten sehen konnte, die auf alles schossen, was sich unter ihnen bewegte.
Sie blieben auf der Flucht, ihr Leben lang. Im Jahr 17 nach der großen Schande Befreiung zeugten sie mich und gaben mir neben vielen Anderen ungewollt die Alpträume und ein schon bei Geburt zerschossenes Nervensystem mit.
Nie wieder, höre ich und kann angesichts der Gegenwart nur zynisch lachen.
100 Wörter, drei müssen mit rein, heute: Gesang – oben – Rose Danke fürs Ausrichten, Torsten aka Wortman.
☆
Über dem Wasser steigt feiner Nebel auf, meine ganze Achtung richtet sich auf die schmale Fahrrinne, dem Rhein wirds eng. Aus dem Radio tönt leiser hoher Gesang, ein Blick auf das Teil lehrt mich gruseln, es ist ausgeschaltet. Von weiter oben kommt die feine Stimme, die mich in ihren Bann zieht. Ein gewaltiger Stoß lässt mich den Halt verlieren, toll, denke ich, absaufen bei Vollmond und Sirenengesang, kitschiger gehts kaum.
Runter in den Laderaum, die Schotts geschlossen. Die „Rose“ ist jetzt unsinkbar, die in große Kunststoffsäcke eingeschweissten FFP2-Masken sorgen für genügend Auftrieb. Danke, Jens, denke ich. Wenigstens etwas richtig gemacht!
Heute mal am Mittwoch, das Leben fordert den Dichter gerade. Und ernst genug ist es sowieso, bevor mich der Tag vollends verschluckt, ergehe ich mich in wilden Phantasien. Wie immer 100 Wörter, heute mit: Prinz Objekt regulieren. Danke fürs ausrichten, Torsten aka Wortman!
☆
Ein letzter Blick in den Spiegel, der Schnurrer adrett, das Hemd faltenfrei, Sakko und Hose tadellos, die Dandy-Latschen blank geputzt, so kann ich gehen, wohlan. Bleibt einen nix erspart, mein großes Vorbild, der allseits bekannte Piss-Prügel-Prinz vonundzu kann mir da auch gerade nicht helfen. Aber besser regulieren als strangulieren, so tönt der Affe wild turnend in meinem Kopf. Ejakulieren wäre auch nicht schlecht, aber – das wichtigste zuerst. Guter Schnee kostet eben, und adelig bin ich auch nicht, also bleibt auch so einem beinahe Hochwohlgeborenen wie mir nix erspart. Am Zielobjekt angekommen, begrüßt mich mein Bankberater verhalten freundlich, man kennt sich.